Gestern hat die griechische Bevölkerung darüber abgestimmt, ob man die Bedingungen der Gläubigergruppe zu weiteren Finanzhilfen angesichts der unerträglichen Staatsverschuldung annehmen sollte, oder nicht. Derzeit sollte das Ergebnis des Referendums vorliegen, das uns bei Niederschrift dieses Kommentars noch nicht zur Verfügung stand. Verschiedene Äußerungen von vorwiegend Linkspolitikern aus aller Herren Länder beweisen seit Monaten ein grundsätzliches Missverständnis des Begriffs Schuldentilgung. Da wird dann schon mal kritisiert, die bislang geflossenen Hilfsgelder seien zum weitaus überwiegenden Teil nicht etwa der von finanziellen Einschränkungen betroffenen Bevölkerung zugute gekommen, sondern zum überwiegenden Teil den Banken und anderen Gläubigern zugeflossen im Rahmen des Schuldendienstes. Das aber ist in einem auf Nachhaltigkeit bedachten Finanzwesen, ob öffentlich oder privat, die völlig normale Funktionsweise.
Der faktische Zusammenbruch des kommunistischen Wirtschaftsmodells, das Abweichungen von dieser Regel zulassen zu können glaubte, scheint einzelnen Leuten jedoch noch nicht Beweis genug dafür zu sein, das man Geld, das von anderen für die Umsetzung von Projekten oder Maßnahmen zur Verfügung bekommen hat, grundsätzlich zurückzahlen muss, einschließlich eines vereinbarten Zinssatzes. Das Dilemma der Griechen, denen diese Grundsätze über die letzten 15 Jahre offenbar nicht so präsent waren, hat damit angefangen, dass man die nach dem Euro-Beitritt deutlich vergünstigten Zinsbedingungen unvermittelt dazu nutzte -missbrauchte? -, nicht nur die projektbezogenen außerordentlichen, sondern eben auch die ordentlichen Staatsausgaben auf Pump in die Höhe zu treiben. Weil diese aber zu einer dauerhaften Mehrbelastung werden, ohne dafür, wie etwa ein der Produktivitätssteigerung dienendes Infrastruktur- oder Bauprojekt, auch Einsparungen oder neue Einnahmen nach sich zu ziehen, mit denen man die Schuld wieder abtragen könnte, musste der griechische Finanzwagen - wie auch der anderer EU-Staaten - zwangsläufig gegen die Wand krachen.
Nun mag man sich über die Kreditwürdigkeit der Hellenen und eine dieser gegenüber vielleicht oder auch wahrscheinlich zu laxe Kreditvergabe der Gläubiger ärgern, das Problem aber bleibt. Über einen bereits erfolgten Schuldenschnitt hinaus wurden wesentliche Zugeständnisse hinsichtlich Zinssätze und Tilgungsdauer gemacht, die aber ins Leere gehen mussten, weil sich keine der letzten drei Regierungen imstande zeigte, endlich die zur Ankurbelung der Wirtschaftsdynamik erforderlichen Impulse zu geben. Dafür aber sind weder Euro-Partnerstaaten noch Gläubiger verantwortlich. Wäre Griechenland kein Staat sondern ein Unternehmen, dann stünde es längst unter Zwangsverwaltung (gestion contrôlée), weil die sukzessiven Verantwortlichen unfähig waren, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Kredit ist gleichbedeutend mit dem Begriff „Vertrauen“. Das aber fällt einem nicht in Schoß, sondern ist das Ergebnis eigener Anstrengungen, deren Erfolg von anderen bewertet wird. Daran eifrig und ehrlich zu arbeiten hat niemand unseren hellenischen Freunden verboten.


