CHRISTINE MANDY

Ich bin krank. So richtig „sick and tired“. Viel zu lange schon bin ich Karussell gefahren, das Karussell der Sprachdebatte, auf dem sich bei eisigem Klima die immer gleichen Argumente wieder und wieder im Kreis drehen. Ich wusste, dass uns dieses Spiel nicht bekommen würde und dachte, dass wir irgendwann daraus herauswachsen würden, so wie wir ja auch irgendwann aus dem „Päerderchersspill“-Alter herausgewachsen sind. Stattdessen dreht das Karussell wie blöde weiter und kaum jemand denkt auch nur daran, dieses sinnlose Gedrehe zu beenden und zu einer Etappe überzugehen, in der wir gemeinsam in eine Richtung voranschreiten.

Verführung im Paradies

Was wir tun, hat mittlerweile durchaus „Päerderchersspill“-Niveau. Aus Unzufriedenheit darüber, dass wir konsequent aneinander vorbeireden, sitzen wir frustriert auf unserem hohen Ross und zeigen mit dem Finger auf den jeweils anderen. Dass er mit demselben Karussell fährt wie wir, interessiert uns dabei nicht. Hauptsache, wir können ihn abstempeln und in eine der beiden Gedankenschubladen stecken, die wir uns eingerichtet haben, um uns das Spektakel zu erklären.

Das erinnert mich an ein anderes Spiel aus Kindertagen, in dem wir uns entscheiden sollten, ob wir Äpfel oder Birnen bevorzugten und je nachdem, wie unsere Wahl ausfiel, wurden wir den Engelchen oder den Teufelchen zugeteilt. Eigentlich passt das hier ganz gut, denn entweder entscheiden wir uns für den Apfel, in dem Fall das Luxemburgische, dann sind wir, so die Spielregeln, scheinbar automatisch gegen das Französische und den Multilinguismus überhaupt und das ist schlecht, folglich sind wir „die Bösen“, die Teufelchen, „die Rechten“. Oder aber wir entscheiden uns für die Birnen, dann sind wir zwar die guten, lieben und toleranten Multilinguismus-Befürworter und damit die Engelchen, gleichzeitig gelten wir aber als diejenigen, die nichts für das Luxemburgische übrighaben. Das Problem ist, dass wir uns mit dieser Logik in ein Dilemma verstricken, nach dem wir so oder so nicht richtig handeln können und uns zwangsläufig gegen etwas stellen. Selbst wenn wir es beim Status quo belassen wollten, ist auch das eine Entscheidung, die in Richtung Birne tendiert. Die Situation wurde in der Presse - zu Recht - als „Rosenkrieg“ bezeichnet. Tatsächlich nämlich scheint Krieg zu herrschen, der Krieg Apfel gegen Birne, jeder gegen jeden, und niemand weiß so genau, wann er ausgerufen wurde. Man ist aber gebeten, sich bitte flott für eine Seite zu entscheiden.

Mittel zum Zweck

Derweil dreht das Karussell weiter, obwohl schon alles gesagt wurde, was man Konstruktives hätte sagen können. Somit wird das Sprachen-“Problem“ - das eigentlich keines sein müsste - mittlerweile nur noch für andere Zwecke instrumentalisiert, einmal seitens der Politik, die unter anderem den künftigen Wahlkampf im Blick hat, andererseits von manchen Medien, die sich erhoffen, die Sensationsgier ihrer Leser zu befriedigen. Aber auch von privaten Facebooknutzern, die Dampf ablassen wollen und dafür einen Sündenbock suchen oder ihre privaten (Streit-)Angelegenheiten geschickt in die Sprachdebatte einbringen und Scheinargumente einwickeln, mit Äußerungen, die nicht selten unter die Gürtellinie gehen. Es kommt aber noch schlimmer, denn es handelt sich nicht nur um einen „Rosenkrieg“, sondern wir erfahren zudem einen inneren Zwiespalt, einen inneren Kampf mit uns selbst. Das Apfel-Birnen-Dilemma fesselt, knebelt und verwirrt uns, bringt uns zur Äußerungs- und Handlungsunfähigkeit. Ich gestehe es, liebe Leser, ich mag Äpfel und Birnen gleichermaßen und weiß jetzt nicht, wohin. Eigentlich bin ich ja überzeugt davon, dass es uns allen so geht, dass wir im Grunde doch das Gleiche wollen, also Äpfel UND Birnen. Wir sind nur so sehr darauf fixiert, uns von anderen abzugrenzen, dass wir uns das oftmals nicht eingestehen wollen. „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“ - und ich stehe dazu.

Magere Ernte

Das einzig Gute an der ganzen Karussellfahrt, die voraussichtlich viel warme Luft, aber wenige, zu erntende Früchte produzieren wird, ist, dass man persönlich sehr viel davontragen kann. Ich finde es faszinierend, wie Menschen argumentieren und welche Ansichten sie haben und es ist ein äußerst lehrreicher Zeitvertreib, sein Senfkorn dazuzugeben. Es erlaubt einem auch, sich selbst in Frage zu stellen und sich darüber klar zu werden, was man wirklich will und was einem wichtig ist. Die Debatte verrät viel darüber, wie Menschen miteinander umgehen, wie sie ihre Ideale und Meinungen verfechten, wie sie sich in Gruppen zusammentun und wie in den Medien und sozialen Netzwerken damit umgegangen wird, so dass es von dem Standpunkt her durchaus eine bereichernde, wenn auch turbulente Erfahrung ist. Als Fazit meiner Beobachtungen bleibt mir, den Wunsch zu äußern, dass wir uns alle doch etwas mehr Mühe geben sollten, einander zu verstehen, uns zu fragen, was genau jemand mit seiner Aussage meint und vor allem, ob wir nicht in irgendeinem Punkt mit ihm übereinstimmen, bevor wir ihm widersprechen. Nur wenn wir unsere Emotionen und Vorurteile für einen Moment zurückstellen und nur, wenn wir über das Gleiche sprechen, können wir tolerant sein, tolerant gegenüber anderen und uns selbst, unseren zwei Seelen, und nur, wenn uns das wiederum gelingt, werden wir aufhören, uns im Kreis zu drehen.