LUXEMBURG
BODO BOST

Vor 150 Jahren: Die „Emser Depesche“ führt zum Deutsch-Französischen Krieg

Als der europäische Hochadel im 19. Jahrhundert immer mehr begann untereinander zu heiraten und dadurch die Verwandtschaftsbeziehungen und Apanagen größer wurden,  wurden einige Bäder und Kurorte zu mondänen Orten der Politik, die zum Teil auch Sommerresidenzen der Herrscherhäuser wurden. Hier konnte man Politik, Familie und Freizeit auf ideale Weise verbinden, Beispiele dafür waren Baden-Baden, Jalta, Bad Homburg und Bad Ems. Letzterer spielte 1870 beim Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges infolge der „Emser Depesche“ eine unrühmliche Rolle.
Seit 1806 war Ems – heute in Rheinland-Pfalz gelegen - ein Teil des Herzogtums Nassau.  Es gehörte zu den Territorien, mit dem das 1806 entstandene Herzogtum Nassau für den Verlust der linksrheinischen Landesteile an Frankreich territorial entschädigt werden sollte. Im Wiener Kongress 1815 kamen die nassauischen Fürstentümer zur niederländisch-oranischen Linie des Hauses. Wilhelm von Nassau-Weilburg, wurde als Wilhelm I. (1816–1839) Regent des Herzogtums Nassau, dessen Regierungssitz in Wiesbaden war. Wilhelms Sohn Adolph (1839–1866)  verlor jedoch sein Land nach dem preußisch-österreichischen Krieg von 1866 an das Königreich Preußen, weil er sich im Krieg auf die (unterlegene) österreichische Seite gestellt hatte. Aber erst in der Preußischen Zeit begann die Glanzzeit des alten Kurortes am ehemaligen römischen Limes gelegen, der erst drei Jahre zuvor Stadt geworden war. Jetzt wurde die Stadt Ems zum „Weltbad“ und Sommerresidenz zahlreicher europäischer Monarchen und Künstler. Die häufigsten Gäste kamen aus dem preußischen, britischen und russischen Herrscherhaus.
Aus Frankreich kamen keine adeligen Gäste nach Ems. Die Spannungen, manche sprechen sogar von Erbfeindschaft, zwischen Preußen und Frankreich hatten sich durch die Luxemburgkrise und den Zweiten Londoner Vertrag von 1867 verschärft, weil Napoleon III. sich von Bismarck betrogen fühlte. Der Ministerpräsident des Norddeutschen Bundes, Otto von Bismarck, wollte als erstes Ziel seiner Politik einen deutschen Nationalstaat formen, der über Preußen hinausging. Dieser sollte zur Vorherrschaft Preußens beziehungsweise des Deutschen Reiches in Kontinental-Europa führen.

Eine Thronvakanz, die in Ems zum Kriegsgrund wurde

Aber dieses Ziel konnte Bismarck erst durch die Vereinigung Preußens mit den süddeutschen Ländern Bayern, Baden und Württemberg erreichen. Da die süddeutschen Länder bereits Bündnis Verträge mit Preußen unterzeichnet hatten, brauchte Bismarck eine solche Krise, um den Bündnisfall auszurufen. Später schrieb er in seinen Memoiren „ohne Krieg mit Frankreich könnten wir nie ein Deutsches Reich mitten in Europa errichten“. Ein Vorwand dazu bot sich als es zu Beginn des Jahre 1870 zu diplomatischen Querelen mit Frankreich wegen der Besetzung des spanischen Königsthrones kam. Auf Bismarcks Bestreben hin wurde Hohenzollernprinz Leopold einer der Kandidaten für diesen vakanten Posten. Er stammte aus einer süddeutschen katholischen Nebenlinie der Hohenzollern in Sigmaringen. Obwohl Leopold durch seine Großmutter Stephanie de Beauharnais auch mit Napoleon verwandt war, wollte dieser den spanischen Thron für einen französischen Bourbonen. Um dies zu verhindern sandte der französische Außenminister am 7. Juli, seinen Botschafter am preußischen Hof, den Grafen Vincent de Benedetti, zum König von Preußen, der sich gerade zur Kur in Ems befand. De Benedetti hatte den Auftrag, König Wilhelm zur Einflussnahme auf Prinz Leopold zu bewegen, um diesen von seiner spanischen Kandidatur abzubringen. „Sinon, c’est la guerre“, hieß es in einem Telegramm des franz. Außenministers vom 7. Juli an seinen Gesandten. König Wilhelm gewährte dem Gesandten erstmals am 9. Juli und danach noch mehrmals Audienzen. Jedes Mal forderte der Botschafter vom Preußenkönig den Verzicht auf die Besetzung des spanischen Thrones. Wilhelm lehnte dieses förmliche Garantieversprechen ab, weil dies Sache der Sigmaringer-Hohenzollern sei. Diese zogen jedoch am 12. Juli Leopold aus der spanischen Thronfolge zurück. Daraufhin ließ König Wilhelm den französischen Botschafter wissen, dass weitere Gespräche unnötig seien.
Bei einem ungeplanten Treffen auf der Kurpromenade von Ems am 13. Juli mit dem preußischen König ging der französische Gesandte jedoch noch einen Schritt weiter und forderte den Thronverzicht der Preußen für alle späteren Zeiten. Dem jedoch wollte und konnte Wilhelm I. nicht zustimmen. Von diesem letzten Gespräch setzte der Preußenkönig noch am selben Tag in einer Depesche nach Berlin Bismarck in Kenntnis, ohne sich etwas dabei zu denken. Bismarck konterte jetzt mit einer teuflischen Finte. Den eher harmlosen Inhalt dieser Depesche, die nur für den internen Dienstgebrauch bestimmt war, formulierte Bismarck scharf um und ließ sie als „Emser Depesche“ der Presse zukommen. Die Ablehnung einer Audienz erschien da als brüske Reaktion auf die französische Forderung und klang wie eine diplomatische Ohrfeige. Dies führte in der französischen Öffentlichkeit zu einer empörten Reaktion, die Bismarck erwartet hatte. Auf einmal stand Frankreich als von Preußen geohrfeigte Nation da. Napoleon III. sah in dieser Provokation einen Grund für eine Kriegserklärung an Preußen. Auch Frankreich hätte „nach den damaligen Ehrenvorstellungen“ nicht unbedingt durch Kriegserklärung antworten müssen, aber eine Kriegsdrohung stand jedoch bereits im Raum und die Franzosen überschätzten ihre Erfolgsaussichten im Kriegsfall. Am 16. Juli bewilligte die französische Legislative mit nur sechs Gegenstimmen Finanzmittel für einen Krieg. Am 19. Juli 1870 teilte der französische Außenminister dem preußischen Botschafter in Paris mit, dass Frankreich sich als im Kriegszustand befindlich betrachte. König Wilhelm I. eilte noch am selben Tag nach Berlin und ordnete die Mobilmachung an.

In sechs Wochen war der Krieg entschieden

Nun war der von Bismarck provozierte und gewünschte Bündnisfall eingetreten. Bei einer Kriegserklärung von außen mussten wegen des Bündnisvertrages auch die süddeutschen Länder dem Norddeutschen Bund beistehen. Die preußische Armee drang über Lothringen in Frankreich ein, Bayern durch das Elsass. Noch während der ersten Wochen des Krieges traten Baden, Bayern, Württemberg und Hessen-Darmstadt dem Norddeutschen Bund bei. Alle anderen europäischen Länder blieben neutral. Anstatt eines „Spaziergangs mit Spazierstock“, wie Marschall Bazaine versprochen hatte, folgte eine Serie von Niederlagen und Kompetenzgerangel in der franz. Rheinarmee. Bereits nach knapp sechs Wochen war mit der Gefangennahme von Kaiser Napoléon III. am 2. September 1870 bei Sedan der Krieg entschieden. Die neue provisorische republikanische Regierung führte den Krieg weiter bis im Februar 1871 Paris fiel. Mit der Proklamation Wilhelm I. zum deutschen Kaiser 1871 im Versailler Schloss und der Gründung eines gesamtdeutschen Nationalstaates, der auch das Elsaß und Teile Lothringens umfassten, hatte Bismarck sein Ziel erreicht. Die „Emser Depesche“ hatte ihre Wirkung nicht verfehlt.
Kurorte als Schaubühnen der Politik des Hochadels behielten auch danach ihre Funktion. 1882 besuchte sogar die französische Exkaiserin Eugénie selbst den Kurort Ems. Aus Ems wurde 1913 „Bad“ Ems. Während des 1. Weltkrieges verlegte die deutsche Heeresleitung sogar ihr Hauptquartier in Kurorte, zunächst nach Bad Kreuznach und am Ende ins belgische Kurzentrum Spa, wo der Kaiser nach dem Waffenstillstillstand 1918 abdankte und von dort ins Exil in den Niederlanden ging. •