LUXEMBURG
LUC SPADA

Wer in Europa geboren wurde, unter siebzig Jahren ist, hat in der Regel keine Ahnung, was das ist: Krieg hautnah. Wer Kindern zuhört, welche Videospiele sie spielen, da könnte man zwar manchmal glauben, dass sie diesen, Tag für Tag aufs Neue, durchleben, aber alles nur ein Spiel. Hauptsache der Gegenspieler ist krass tot. Im Spiel.

Zu meiner Zeit waren diese Plastik-Soldaten mit Plastik-Panzern und Plastik-Kriegszeug en vogue. Da konnte der freshe Zehnjährige täglich Geschichte neu schreiben. Oder einfach nur Krieg spielen, die Deutschen waren meistens die Bösen, das haben uns die Großeltern beigebracht. Auch beim Plastikkrieg wollte niemand der Böse sein. Die Bösen sind die anderen. Die lassen einem ja keine andere Wahl, als draufzuschießen.

Wer einen Blick in die Nachrichten riskiert, liest viel von feindseligen Botschaften. Iran. Großbritannien. Vereinigte Staaten, natürlich. Sabotageaktionen. Einige Herren da oben sind sich eins. Es müssen Missionen gestartet werden. Mehr Tanker aufs Meer. Aber nein, warnen andere im Europa-Pulli. Das führt zu Spannungen. Wir wollen doch Frieden, keinen Krieg. Ist ja nur eine Marinemission, eine Taktik des maximalen Drucks, sagen die Alten, ersticken fast an ihrem Rumpsteak und geben ihr Okay, bang! Ah doch nicht, es könnte ja Tote geben. Guten Appetit.

Als ich in die Grundschule ging, zeichnete die Religionslehrerin menschenähnliche Figuren auf die Tafel, sie waren weiß, gelb, schwarz, braun, rot, ich malte noch eine grüne im Heft dazu. Ich hatte „The Mask“ mit Jim Carrey gesehen und fand das nur richtig. Die Lehrerin erklärte uns, dass wir uns alle mögen sollen, egal welche Hautfarbe, Herkunft, reich oder arm oder sonstwas wir haben oder sind.

Falls wir uns mögen, gibt es keinen Krieg. Fand ich einleuchtend. Ich mag zwar heute, wie damals, nicht jeden Menschen, aber dann gehe ich dieser Person aus dem Weg, um keinen Krieg anzuzetteln.

2003 machten USA und die Koalition der Willigen Krieg gegen den Irak. Zwei Monate vor meinem 18. Geburtstag. Ich erinnere mich an meinen Mathelehrer Herr H., wie er das Klassenzimmer betrat und weinte. Was für ein trauriger Tag, sagte er. Das ist nicht gut, sagte er. Wir müssen auf die Straße, sagte er. Das hat mich sehr berührt. Einerseits, weil die Botschaft stimmt und andererseits selbst ein Mathelehrer plötzlich wie ein richtiger Mensch wirkte.

Unsere Großeltern, Organisationen wie Amnesty, Zentralrat der Juden… Sie warnten und warnen jahrelang, dass wir nicht vergessen dürfen. Ja, wie schön, aber gleichzeitig verletzlich Frieden sein kann. Und genau das scheint gerade in Vergessenheit zu geraten. Besonders in Zeiten, wo die letzten alten Männer wie besessen um ihre Machtpositionen kämpfen. Sie wollen noch einmal alles geben.

Nicht klein beigeben. Über Leichen gehen. So, als wäre alles nur ein Spiel. Aber mit echtem Blut, ohne Plastik, und der Böse will einmal mehr niemand sein.