CORDELIA CHATON

Bis gestern wusste kaum ein Mensch, dass es so etwas wie das Asowsche Meer überhaupt gibt, geschweige denn, wo das liegt. Jetzt schütteln zwei Männer die Fäuste, zeigen auf Kriegsschiffe und stören die europäische Gemütlichkeit mit der Forderung nach Einmischung und Unterstützung. Was steckt hinter dem Streit des terrainhungrigen Russlands und der korruptionsgebeutelten Ukraine?

Vordergründig geht es um die Krim-Brücke, hintergründig um zwei Männer, die um ihre Macht und den Erhalt ihrer Regierung kämpfen. Der ukrainische Staats-Chef Petro Poroschenko steht - so zumindest die russische Version - mit dem Rücken zur Wand. Im kommenden Jahr stehen Wahlen an und er will an der Macht bleiben. Nur nehmen die Landsleute ihrem Schokoladenkönig übel, dass die Korruption nicht enden will und alle Opfer des Maidan keine Ernte bringen. Gleichzeitig sieht er sich durch die populistische Julija Tymoschenko unter Druck gesetzt. Da macht es sich auf der Weltbühne gut, wenn die UN-Botschafterin Nikki Haley ihn unterstützt und er in Uniform als Retter und Bewahrer der nationalen Einheit auftritt. Sicherheitshalber hat er von seinem Berliner Botschafter schon mal militärische Unterstützung angefordert. Soweit die russische Version, laut der Poroschenko den Streit nur vom Zaun gebrochen hat, um über einen äußeren Konflikt an innerer Einheit zu gewinnen - und so siegreich aus den Wahlen hervorzugehen.

Pikanterweise ist die ukrainische Version der Geschichte der russischen sehr ähnlich - nur mit vertauschten Rollen. Schließlich steht Kreml-Chef Wladimir Putin selten schlecht dar - nur 56 Prozent würden ihn laut einer Umfrage nochmal wählen, 61 Prozent machen ihn persönlich für ihr schlechtes Leben verantwortlich. Das ist viel in einem Land, das die „gelenkte Demokratie“ schon so lange erträgt, genauso wie die Armut, denn 22 Prozent der Russen können sich kaum mehr als nur etwas zu essen leisten.

Putin selbst aber hat gelernt. Als sein Amtsvorgänger Jelzin ihn 1999 vorschlug, kannten gerade einmal zwei Prozent der Bevölkerung den blassen Mann vom Geheimdienst, der sehr gut Deutsch spricht. Dann kam der Tschetschenien-Konflikt und auf einmal wussten 60 Prozent der Bevölkerung, wer er ist. Putin hat seine Lektion also gelernt: Wenn es drinnen brenzlig wird, breche einen Streit vom Zaun und sorge so für innere Einheit. Das zumindest ist die ukrainische Lesart. Sicher ist in jedem Fall, dass es um Russland wirtschaftlich schlecht bestellt ist. Wenn es nicht Öl und Gas gäbe, wäre es noch schlimmer. Reformen fanden nicht in notwendigem Maße statt und die Tatsache, dass Menschen in angrenzenden Staaten mehr Freiheiten genießen, wird dem Ex-KGBler nicht passen. Schon allein, um solche Ansätze zu vermeiden, ist Druck wichtig.

Die Aktion mit dem Asowschen Meer kostet Putin nicht viel. Schon bei der Annektion der Krim 2014 und dem Krieg in der Ostukraine stoppte ihn keiner. In diesem Jahr hat Russland eine Brücke über die Meerenge von Kertsch auf die Krim eröffnet und macht das Meer de facto zu einem russischem. Damit zwingt er die Großen der Weltpolitik, mit ihm zu reden. Und genau das verleiht ihm dann wieder Ansehen. Noch.