FRANKFURT/MOSKAU
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Gazprom-Aktien brechen ein

Die Krise auf der Krim hat die Investoren weltweit schockiert und die Angst der Anleger vor einer weiteren Eskalation geschürt. Am gestrigen Montag gingen die Börsen weltweit auf Talfahrt. Am stärksten fielen die Verluste in Russland aus. Der Aktienmarkt in Moskau verlor zeitweise mehr als zehn Prozent. Der russische Rubel sank zum amerikanischen Dollar auf ein Rekordtief. Auch andere Börsenindizes wie der europäische Eurostoxx verloren deutlich. Die Anleger flüchteten aus Furcht vor einer Zuspitzung der Lage in der Ukraine in „sichere Häfen“ bei Währungen, Staatsanleihen und Edelmetallen.

Russland hat auf der autonomen ukrainischen Schwarzmeerhalbinsel praktisch die Kontrolle übernommen. Mit allen Mitteln wird rund um den Globus versucht, diesen gravierendsten Konflikt in Europa seit dem Ende des Kalten Krieges zu entschärfen. Vor allem die Währungen, Börsen und Staatsanleihen zahlreicher osteuropäischer Länder standen unter massivem Druck. Der russische Rubel fiel zum amerikanischen Dollar um 1,6 Prozent zurück und damit auf einen Tiefststand. Seit Jahresbeginn ist die russische Währung ohnehin schon auf Talfahrt. Die russische Zentralbank stemmte sich nun mit einer überraschenden Zinserhöhung gegen die Abwertung des Rubel. „Der Zinsschritt ist eindeutig eine Maßnahme zur Stabilisierung der russischen Währung“, sagte ein Experte der Bank of America . Die Notenbank werde durch geopolitische Faktoren unter starken Handlungsdruck gesetzt. Deutliche Verluste gab es auch beim polnischen Zloty und dem ungarischen Forint. Die Landeswährungen Rumäniens, der Tschechei und Bulgariens gaben ebenfalls nach.

Gazprom fällt um 12 Prozent

Die sich zuspitzende Situation in der Ukraine hat den russischen Aktienmarkt tief ins Minus gerissen. Der Micex-Index brach im frühen Handel um fast zehn Prozent auf 1.306,62 Punkte ein. Der Index beinhaltet die 50 meist gehandelten Aktien der größten russischen Unternehmen. Viele Marktteilnehmer rechneten zwar nicht mit einer Eskalation zwischen Russland und dem Westen, zögen sich aber dennoch zurück, um Risiken zu verringern, sagte ein Händler. Zudem sollten die möglichen wirtschaftlichen Folgen für Russland nicht vergessen werden.

Gazprom-Aktien verloren mehr als 12 Prozent. Erst jüngst wurde bekannt, dass der russische Staatskonzern seinen Anteil am europäischen Gasmarkt mittlerweile auf einen Rekordwert von mehr als 30 Prozent gesteigert hatte. Die aktuelle Krise untermauere die Einschätzung, dass sich Europa in der Energieversorgung um andere Quellen bemühen müsse, sagte ein Händler.

Der russische Energiekonzern gab gestern bekannt, er werde seine Preise für Gaslieferungen an die Ukraine zunächst nicht erhöhen. Die Ukraine stehe bei Gazprom gegenwärtig mir rund 1,5 Milliarden US-Dollar (1,1 Mrd Euro) in der Schuld. Die Führung in Kiew habe aber am gestrigen Montag versichert, die ausstehenden Zahlungen umgehend zu leisten. Deswegen werde gegenwärtig nicht mehr an eine Rücknahme von Rabatten gedacht. Sowohl Gazprom als auch die Ukraine und die Gaskunden in Europa hätten großes Interesse an einem ungehinderten Gasfluss.

Die Risikoaufschläge für Rohöl erhöhten sich deutlich - Russland ist ein weltweit bedeutender Ölexporteur. Sowohl europäisches als auch amerikanisches Öl legten um mehr als einen Dollar zu. Die Bundesregierung betonte, dass es derzeit überhaupt keine Anzeichen für Lieferengpässe bei Gas und Rohöl aus Russland gebe.

Noch deutlichere Preisaufschläge gab es bei Mais und Weizen. Die Ukraine ist eines der weltgrößten Exportländer für Getreide.

Am Devisenmarkt legte der japanische Yen zu. Er wird von Marktteilnehmern in krisenhaften Situationen vermehrt als sicherer Hafen gesehen. Der Yen legte zum amerikanischen Dollar um knapp ein halbes Prozent auf bis zu 101,22 Yen zu. Das ist der höchste Stand seit einem Monat.

Auch deutsche Staatsanleihen, die als Hort der Sicherheit gelten, wurden stärker nachgefragt. Dagegen standen ukrainische und russische Staatsanleihen unter Druck. Im Gegenzug stiegen die Risikoaufschläge, die Investoren verlangten. Die Rendite zweijähriger ukrainischer Schuldtitel stieg um 3,9 Prozentpunkte auf 16,7 Prozent. Russische Staatsanleihen mit gleicher Laufzeit rentierten mit 7,6 Prozent, das waren 0,8 Punkte mehr als am Freitag. Der Handelskonzern Metro blickt angesichts der Börsenpläne für seine russischen Großmärkte genau auf den Konflikt in der Ukraine. Die Metro beobachte fortlaufend die allgemeinen Marktbedingungen, die für jegliches Angebot günstig sein müssten, sagte ein Sprecher am Montag. „Dies beinhaltet natürlich eine kontinuierliche Bewertung der Situation in der Ukraine.“

Metro hatte angekündigt, bis zu 25 Prozent der Tochter Metro Cash & Carry Russland an die Börse bringen zu wollen. Die Erlöse von bis zu einer Milliarde Euro sollen in das Wachstum des Gesamtkonzerns gesteckt werden. Bei den Vorbereitungen hat Metro dem Sprecher zufolge „gute Fortschritte erzielt“.

Negative Folgen für Russlands Wirtschaft

Russland gehe zu einem Zeitpunkt in den Konflikt, zu dem sich die Wachstumsperspektiven ohnehin strukturell verschlechtert hätten, schrieb die Unicredit -Volkswirtin Gillian Edgeworth in einem Kommentar. Angesichts des Engagements russischer Banken und anderer Unternehmen in der Ukraine seien die Folgen einer Schwächung der ukrainischen Wirtschaft für Russland nur schwer abzuschätzen. Zudem drohten Gegenmaßnahmen der internationalen Gemeinschaft in einer Zeit, in der der Bedarf für Kapitalzuflüsse aus dem Ausland wachse. So hätten die USA bereits mit einer Verringerung von Investitionen gedroht.