Das Drama in den französischen Alpen, das einen Copiloten mit einer psychischen Erkrankung in den Mittelpunkt der internationalen Aktualität rückt, wirft in der Öffentlichkeit zahlreiche Fragen über den Zusammenhang zwischen Kriminalität und Psyche, sowie über die damit verbundene gesellschaftliche Verantwortung auf. Das Thema stand hier in Luxemburg bereits vor mehreren Wochen im Rampenlicht, als in Ettelbrück ein Mann auf offener Straße erstochen wurde, und dem Täter ebenfalls eine psychische Erkrankung nachgesagt wurde. Im Ettelbrücker Gemeinderat wurde daraufhin eine Resolution gestimmt, in der die Regierung dazu aufgefordert wird, die Gesetzgebung im Bereich Psychiatrie zu überprüfen. In diesem Zusammenhang wäre zuerst einmal festzuhalten, dass Menschen nicht einfach in psychisch Kranke und psychisch Gesunde eingeteilt werden können. Wie die Psychiaterin Dr. Hedo in einem Interview des „Luxemburger Wort“ klarstellte, leiden etwa zehn Prozent der Bevölkerung an Depressionen. Letztere können auftreten und je nach Lebenslage wieder verschwinden. In anderen Fällen können sie Menschen ein ganzes Leben lang begleiten, da sie mit der Geschichte, dem Gemüt und der Lebenssituation der Person zusammenhängen.

Dies bedeutet, dass zahlreiche Menschen zeitweilig in ihrem Leben eine psychische Krankheit haben können; darüber hinaus sind Neurosen und Suchterkrankungen sehr weit verbreitet, und in allen gesellschaftlichen Schichten zu finden. Unbehandelte Suchterkrankungen bergen ihrerseits zahlreiche Gefahren, wenn zum Beispiel Betrunkene Auto fahren oder Drogensüchtige auf Kinder aufpassen. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass bei Menschen, die wegen psychischer Störungen behandelt werden, das Risiko für einen kriminellen Akt viel niedriger ist als bei so genannten psychisch Gesunden.

Es ist demgemäß aus den Ereignissen der letzten Wochen keineswegs zu schlussfolgern, dass psychisch Kranke gefährlicher sind als andere Menschen. Die Gesellschaft braucht keine speziellen Maßnahmen zu ihrem Schutz gegen Menschen mit psychischer Störung, und die offene Psychiatrie muss nicht in Frage gestellt werden. Jede Hexenjagd in diese Richtung würde psychisch Kranken, die in Behandlung und gut stabilisiert sind, unrecht tun, und ihnen eine Etikette aufkleben, die viel öfter auf psychisch Gesunde zutrifft. Außerdem sollten wir uns daran erinnern, dass nach Jahrzehnten der offenen Psychiatrie in unserem Land jetzt erstmals in Ettelbrück ein Verbrechen geschah, das mit den Patienten des dort angesiedelten CHNP überhaupt nichts zu tun hat.

Die Tatsache allerdings, dass der kriminell gewordene Copilot, der 149 Menschen auf dem Gewissen hat, bereits eine Tat angekündigt hatte, die die Welt verändern würde, sollte uns aufhorchen lassen. Es wäre demgemäß sinnvoll, gut zuzuhören, was Menschen in unserem Umfeld oder auch in den Ärztepraxen sagen, um Vorzeichen von Verbrechen besser zu interpretieren, um auf diese Weise Amokläufe oder Terrorakte zu vermeiden. Die gesellschaftliche Herausforderung schlechthin wäre, den langen Weg vieler Menschen bis hin zum Verbrechen durch effiziente soziale Maßnahmen, besonders für vernachlässigte und gefährdete Kinder und Jugendliche, zu unterbinden.