LUXEMBURG
FLORIAN VALERIUS

Diese Kriminalromane gehören unter jeden Weihnachtsbaum!

Als Buchhändler und Blogger muss ich immer am Puls der Zeit sein und das Besondere finden. Dafür muss ich viel lesen. Sehr viel. Das Besondere im Genre der Krimis und Thriller zu finden, ist oft schwer: Viel Einheitsbrei, immer wieder Variationen des gleichen Themas, immer wieder graues, skandinavisches Trübsal. Eine Kriminalgeschichte muss für mich das gewisse je ne sais quoi haben - Aspekte, die den Roman von der Masse abheben, die einen Mehrwert haben. Wie unterschiedlich diese Aspekte sein können, wie vielfältig Kriminalliteratur sein kann, das beweisen folgende Romane:

André Mumot: Geisternächte (Eichborn)

Dieser Roman ist so viel mehr als ein (guter) Krimi: „Geisternächte“ erzählt von einer Welt, die aus den Fugen geraten ist, einer Welt, die verroht. Gesellschaftlich, politisch und zwischenmenschlich. Der Künstler und Aktivist Jakob Bechstein wird in Berlin beinahe zu Tode geprügelt. Zur gleichen Zeit wird der junge Finn Kramer ermordet aufgefunden. Ein Kreuz wurde in seine Stirn geritzt. Jakobs Schwester, Kathi, ist eine arbeitslose Schauspielerin, die als Medium versucht, über die Runden zu kommen - zu ihr kommt die kleine Schwester des toten Jungen, Sophie, um Kontakt zur Geisterwelt zu bekommen. Und wie es in Krimis nun mal so ist, sind beide Geschichten miteinander verstrickt. Was in Krimis aber eher selten ist: Protagonistinnen, die so sympathisch und liebenswert sind, dass sie einem sofort ans Herz wachsen, die man nicht mehr missen möchte. Die chaotische, herzensgute Kathi und die altkluge, trauernde (mit einem Glasauge, und daher immer Sonnenbrille tragende) Sophie. Zu ihnen gesellt sich noch Kenan, der Lebensgefährte von Jakob. Die drei geraten auf der Suche nach den Peinigern ihrer Liebsten in ein Netz aus Wahn(sinn) & Terror und auch selbst in Lebensgefahr. Mumot hat einen wunderbaren Roman geschrieben, der sorgsam und geschickt komponiert ist, der den Leser rätseln und mitfiebern lässt. Aber auch das können gewöhnliche Krimis oft. Jedoch stehen ganz andere Dinge im Vordergrund: Liebe und Trauer. Wie geht man mit dem Verlust eines geliebten Menschen um? Was macht das mit einer Familie? Dem Partner? Der Roman ist politisch hochaktuell und bezieht klar Stellung - Flüchtlingskrise, Demagogen, der Rechtsruck in der Gesellschaft, prekäre Milieus und Homophobie werden von Mumot klug in die Geschichte eingewoben. Aber vor allem: Diese Sprache! Selten habe ich solch schöne, ja lyrische, poetische Worte gelesen. Eine Erzählstimme, die sich in jede Synapse meines Hirns geschlichen hat. Ein poetisches Meisterwerk.

Martina Heib: Drei Meter unter Null (Heyne)

Auch hier ist es die Erzählstimme, die diesen schockierenden Thriller so außergewöhnlich macht: Heibs Roman ist die Beichte einer Frau. Roh, böse und wütend. Lange hat sie versucht, ein normales Leben zu führen. Doch eines Tages wird diese Frau zur Mörderin. Scheinbar wahllos tötet sie Männer, ja, schlachtet sie ab - eine Wölfin, die Jagd auf Wölfe macht. So beginnt eine atemlose Hetzjagd. Während der Leser anfangs das Gefühl hat, einer komplett irren Psychopathin ausgeliefert zu sein, entfaltet sich nach und nach ihre verstörende und tieftraurige Geschichte, ihre Beweggründe und ihre damit einhergehende Metamorphose. Gleichzeitig stellt der Roman die großen, philosophischen Fragen: Was macht einen Menschen aus? Ist die Saat des Bösen in einem jedem Menschen verankert? Warum wird eine junge Frau zur eiskalten Mörderin? Ein düsteres, melancholisches Meisterwerk, das mit grausamen Szenen aufwartet, die sich tief in das Hirn des Lesers eingraben werden. Definitiv nichts für schwache Nerven oder empfindliche Mägen – wer dies jedoch aushält, wird mit einem literarischen Ausnahmewerk belohnt.

Marc Graas: Der letzte Fischer von Hafnir (Éditions Saint Paul)

Der Isländer Hafthor soll die junge Künstlerin Kybele für eine luxemburgische Zeitung interviewen. Ziemlich schnell verfällt er der mysteriösen Femme Fatale und ehe er sich versieht, gerät sein Leben aus den Fugen. Kybele wird nämlich von der Polizei gesucht: Sie steht unter Mordverdacht. Eine Flucht quer durch Europa bis nach Island beginnt. Am Ende wird Haftor nicht mehr derselbe sein. Graas‘ Roman kommt als klassischer Noir daher, geht aber weit darüber hinaus. Es ist das Psychogramm zweier versehrter Seelen, zweier Menschen, die in jungen Jahren Traumata erlebt haben, die ihr Erwachsenenleben immer noch beeinflussen. Graas ist Psychotherapeut. Hier zeigt sich, dass er sein Metier kennt. Spätestens, wenn der Autor uns nach Island, dieses fremde, kalte Land, entführt, entwickelt sich der Roman dann zum ultimativen Drama um Schuld und Sühne – und um die Vergebung, auf die wir alle letztendlich hoffen.

Florian Valerius ist Buchhändler und als @LiterarischerNerd einer der erfolgreichsten Buchblogger Deutschlands: www.instagram.com/literarischernerd

Lesezeichen

Mordsspaß

Er war schon als Kind mit TKKG auf Verbrecherjagd. Er will Mordsspaß beim Lesen. Er braucht den Tod, wie’s täglich Brot. Er mag seine Bücher wie ein Feinschmecker sein Steak. Er verschlingt die Ware von Fleischermeister Adler-Olsen am Stück. Er speist auch gerne mal regional. Er macht regelmäßig Urlaub in Skandinavien. Er überlegt kurz, seinen Sohn Stieg zu nennen, entscheidet sich dann aber doch für Sebastian. Er schaltet jeden Sonntag nach der Tagesschau den Fernseher ein. Er findet: Slash ist nicht gleich Trash. Er liebt Buchtitel wie „Der Tod hat eine Anhängerkuppel“, „Vatermord und andere Familienvergnügen“ oder „Luxemburger Leichen“. Er forscht immer noch nach dem Geburtstag von Charles Warren Davies. Er schreibt in Online-Foren unter dem Nicknamen h_poirot. Er lacht bei Witzen wie diesem: Gehen zwei Auftragsmörder bei Nacht in den Wald. Sagt der eine: Das ist aber ganz schön unheimlich hier. Darauf der andere: Ja, was soll ich denn sagen, ich muss nachher noch allein zurück! Er hält im Unterholz Ausschau nach menschlichen Überresten. Er kennt die üblichen Verdächtigen. Er meidet Gärtner und Butler. Er traut niemandem, am wenigsten dem Erzähler. Er durchschaut Schema F sofort. Er würde gerne in Baker Street 221B wohnen. Er trägt an Fasching seinen Havelock und die Deerstalker-Mütze. Er phantasiert seine Schwiegermutter, den Chef oder die Nachbarskatze in kurzlebige Romanfiguren hinein. Er weiß: Der Klügere lädt nach. Er schätzt es, wenn bei einem Cliffhanger wirklich jemand an einer Klippe hängt. Er geht ohne Mimi nicht ins Bett. Er liebt Handschellen. Er ist stolz auf seinen leeren Strafregisterauszug. Er ist ein Rettungsring für den Buchhandel. Er ist vielleicht eine Sie. Er könnte Sie sein. Wenn ja, schicken Sie uns eine E-Mail an simone.molitor@journal.lu und gewinnen Sie eines der Bücher, die Kollege Valerius in der ZwischenSicht empfiehlt. (Jérôme Jaminet)
Lëtzebuerger Journal

Sally Rooney | Normal People

It is a truth universally acknowledged that the romantic comedy plot – boy meets girl, boy loses girl, boy wins girl back (for good) – rarely makes for great literature. Yet, every so often, a writer comes along to prove that romance needn’t be left to the Austen copycats. “Normal People”, the second novel by Irish author Sally Rooney, might just be such a proof. It follows the lives of two brilliant misfits, Marianne and Connell, from their final year of school in rural Sligo up to their final year of university in Dublin. Their relationship status? It’s complicated, and the book is devoted to exploring this complexity to its utmost detail. Alternating between, and perfectly balancing, the two friends’ and sometime lovers’ perspectives, Rooney traces her characters’ mental and emotional state with meticulous care. They appear as frail and flawed beings, yet the novel is devoid of sentimentality. Instead, it is animated by a firm belief – shared by the cognitive literary theory it vaguely alludes to – that reading about fictional people’s thoughts and feelings is instrumental in understanding real people’s, too. Hence, if you, dear reader, have been plagued by the thought that love stories are but guilty pleasures, read on. Normal People means serious business. (Jeff Thoss)

Faber & Faber, 288 pages, £ 14.99

Steffen Mensching | Schermanns Augen

In einem sowjetischen Straflager im Nirgendwo bei Archangelsk trifft Otto Haferkorn, ein deutscher Kommunist und Drucker, der vor den Nazis nach Moskau geflohen ist, auf den Graphologen Rafael Schermann. Der Mann ist berühmt, weil er aus der Handschrift einer Person ihren Charakter und ihr Schicksal herauslesen und deuten kann. Aber weil Schermann auch polnischer Jude ist, endet im Dritten Reich seine Karriere. Seher oder Scharlatan? Diese Frage steht im Zentrum der Verhöre Schermanns, bei denen Otto als Übersetzer Schermann zur Seite steht. Von der harten Lagerarbeit befreit, beginnen beide bald, sich ihr bewegtes Leben zu erzählen und damit die Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts, von Kommunismus und Faschismus, von Widerstand und Verfolgung. Stilistisch und strukturell wagt Steffen Mensching viel: keine Absätze, wechselnde Perspektiven, keine Auszeichnung wörtlicher Rede. Doch Mensching ist ein meisterhafter Handwerker. So funkelt und strahlt der Text über 800 Seiten hinweg, ohne je unter überwältigender Recherchelast oder dem ambitionierten Konzept zusammenzubrechen. Als Otto und Schermann in der Baracke der Verbrecher landen, wird aus dem Gulag-Roman ein bewegendes Gleichnis über die Macht der Schrift, die Wirkung der Sprache und die Kraft der Liebe. (Jochen Kienbaum)

Wallstein Verlag, 820 Seiten, 28 €

Lambert Schlechter | one day I will write a poem

Don’t wait for writing to come along/because it’s there; it’s always been there//just under the surface, ready to crop up/nervous syllables that vibrate, like tadpoles//let it come, without control, without filter/sublime and trivial will have their share […]“ These obviously are the words of an experienced poet, who manages to make writing appear as easy and natural as breathing: Lambert Schlechter. With „one day I will write a poem“, Black Fountain Press made a selection of his poetry available for the anglophone reader. In nine lines, each poem („neuvain“) tells a heartwarming story about love, life, death or spring, closing with a conclusion or turning point. The majority has already been published in French in “Piéton sur la voie lactée”, “Enculer la camarde”, “Je est un pronom sans conséquence” and “Milliards de manières de mourir”. Translating such a touching, life-affirming piece of work is one of the greatest challenges one could be confronted with. In poems, each word is significant. That is another reason why Anne-Marie Reuter’s translations should be considered with admiration. They have been realised with a high grade of sensibility and precision, making sure to maintain the author´s writing style. Furthermore, they are suitably framed by Lysiane Schlechter’s illustrations. (Christine Mandy)

Black Fountain Press, 212 pages, 22 €

Lëtzebuerger Journal

Michel Rodange | Renert. Oder de FuuSs am Frack an a Maansgresst

Am éischte Joer Lycée – 1965 war et – hat ech en Däitschproff, deen op senger Stonn Lëtze-

buergesch gehal huet an net wéi anerer déi Zäit ausgenotzt huet fir mam Programm am

Däitsche fäerdeg ze ginn. An net nëmmen dat: Hien huet eis mat Begeeschterung erugefouert un e Wierk, vun deem mer am beschte Fall woussten, datt et géif existéieren, awer méi och net, nämlech dem Michel Rodange säi Renert. Wann ech hei grad op dat Buch ze schwätze kommen, dann ass et, well d’Liese vun deem Text deemools eng Entdeckung war fir mech, an dat a méi wéi enger Hisiicht. Et war natierlech d’Entdecke vun engem wichtege Stéck Literatur op Lëtzebuergesch, vum Lëtzebuergeschen als Literatursprooch iwwerhaapt (et gëtt jo souguer haut nach Leit, déi dat net unerkenne wëllen), et war awer och, duerch d’Qualitéiten an d’Talent vum Proff, eng éischt Lektioun doriwwer, wat Literatur an der Gesellschaft ka bedeiten, wat d’Schwieregkeete vun engem Auteur kënne sinn, wat Zensur ass, wéi eng Formen e Schrëftsteller ka fannen, fir op Ongerechtegkeeten hinzeweisen asw. D’Liese vum Text war natierlech net ëmmer einfach, well kee vun eis bis dohi wierklech Lëtzebuergesch gelies hat, an da gouf et nach e sëllechen Dialekter an deem Buch, vun de villen Uspillunge ganz ofgesinn. Awer d’Begeeschterung vun eisem Proff ass op eis iwwergesprong, grad wéi dem Rodange säi behäerzte Witz. Mer hunn e Klassiker mat Freed gelies, an hunn e schliisslech souguer nach op d’Bühn bruecht. Beim Zeecheproff, dee mat eisem Däitschproff zesummegeschafft huet, hu mer d’Déiermasken entworf, gemoolt a gebastelt a schliisslech déi fënnef éischt Gesäng vum Renert am Festsall vum Jongelycée zu Esch opgefouert. Ech hunn deemools de Wollef gespillt a weess grouss Deeler vu menger Roll nach haut. Wéi wäit dat alles bäigedroen huet zu menger Entwécklung als Schrëftsteller kann ech net genee soen, awer sécher ass, datt déi zwee Hären, déi eis dat Kenneléiere vum Renert deemools erméiglecht hunn, net ganz onschëlleg doru sinn. Mat engem Merci u si hei hir Nimm: Jos Weydert a Foni Tissen. (Nico Helminger)