LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Die Saison in den Stadttheatern steht im Zeichen der Solidarität, Kreation und Kollaboration

Unter dem Motto „#mirfreeëneisopiech“ wurde am Dienstag das Programm der neuen Spielzeit im Großen Theater präsentiert. Wie in den anderen Häuser stand auch diese Saisonvorstellung im Zeichen der kulturellen Rückkehr und natürlich der Folgen der Corona-Pandemie. „Die Krise war für viele Leute in vielen Bereichen sehr schlimm, und für das Theater ganz besonders, denn das Theater lebt vom Zusammensein, vom gemeinsamen Erleben, und genau das war während fast drei Monaten nicht möglich“, stellte eingangs Hauptstadtbürgermeisterin Lydie Polfer fest. Die Konsequenzen für die beiden Stadttheater: Von 52 Produktionen konnten nur 31 tatsächlich auf die Bühne gebracht werden, von 124 geplanten Vorstellungen fanden lediglich 87 statt. Zehn Produktionen wurden gestrichen, elf auf ein späteres Datum verlegt.
„Dies alles hat das Theater stark geprägt, und zwar nicht nur das Theater als Institution, sondern besonders die Künstler. Von Anfang an haben wir als Schöffenrat mit der Direktion versucht, dies abzufedern“, informierte sie. So wurde die bereits geleistete Arbeit an Produktionen, die ausfallen mussten, bezahlt. Auch Gastproduktionen, deren Vorstellungen geplatzt sind, erhielten eine finanzielle Entschädigung. Produktionen, die auf ein späteres Datum verlegt werden mussten, profitierten von einer Anzahlung von 50 Prozent. „Soweit es nur möglich war, wollten wir als Stadt Luxemburg helfen, so wie wir es auch für andere Sektoren getan haben“, unterstrich die Bürgermeisterin. Nun hoffe sie auf die Treue der Zuschauer, gab aber gleichzeitig zu bedenken, dass die Krise noch nicht vorbei sei und appellierte an die Eigenverantwortung eines jeden.
„Es war keine einfache Zeit“, sagte Direktor Tom Leick-Burns. Während der Ausgangssperre sei man aber ganz aktiv gewesen. So habe man etwa ein digitales Angebot auf die Beine gestellt und vergangene Produktionen über den Youtube-Kanal gestreamt. „Noch vor sechs Monaten wäre mir das nicht in den Sinn gekommen. Ein solches Angebot kann natürlich nie das Live ersetzen, dennoch war es ein Erfolg. 3.750 Klicks wurden gezählt“, berichtete er.

Solidarität mit Künstlern und kleinen Häusern

Dennoch überwog am Dienstag natürlich die Freude, nun wieder ein richtiges Programm bieten zu können. „Die ,Rentrée‘ steht im Zeichen der Solidarität, der Kreation und der Kollaboration. So haben wir etwa eine Initiative mit dem Kinneksbond Mamer gestartet, um den Künstlern wieder Perspektiven zu bieten. Da alle Festivals abgesagt sind, fehlen auch viele Produktionen, die anschließend auf Tournee gehen sollten. Dadurch ist unsere Herbstsaison geschrumpft, und es gab Löcher“, erklärte Leick. Diese werden nun einerseits durch Auftragsstücke gestopft, die im Rahmen eines Projektaufrufs entstehen werden, und andererseits durch die Entscheidung, die Bühnen der Stadttheater und des Kinneksbond den drei kleinen Theatern Centaure, TOL und Kasemattentheater zur Verfügung zu stellen, für die die sanitären Auflagen eine noch größere Herausforderung bedeuten.
Wegen der außergewöhnlichen Umstände beginnt die Spielzeit im Großen Theater und dem Kapuzinertheater später als gewohnt, dauert dafür aber länger, nämlich bis Mitte Juli. Eine große Kollaboration wird die Saison 2020/21 prägen: die zweite Auflage des „Red Bridge Project“ mit dem multidisziplinären Künstler William Kentridge, das bereits Anfang des Jahres vorgestellt wurde und eine Zusammenarbeit zwischen der Philharmonie, dem Mudam und dem Großen Theater ist (wir haben berichtet: tinyurl.com/RedBridgeProject).

13 Kreationen und Koproduktionen

Da in den „Théâtres de la Ville de Luxembourg“ viel Wert auf Kreation und Unterstützung der Künstler gelegt wird, stehen nicht weniger als 13 Kreationen und „Coproductions ,maison‘“ (in enger Zusammenarbeit mit anderen Projektträgern) auf dem Spielplan. Mit der ersten Produktion wird die Henrik Ibsen-Reihe fortgesetzt: „Hedda Gabbler“ in einer Inszenierung von Marja-Leena Junker feiert am 13. Oktober Premiere. In dem Stück wird Tom Leick nach vielen Jahren der Bühnenabstinenz selbst als Darsteller mitwirken, während Myriam Muller die Rolle der Hedda übernimmt. Die Premiere der Koproduktion mit dem Staatstheater Mainz „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ von Rainer Werner Fassbinder in einer Inszenierung von Pauline Beaulieu mit unter anderem den beiden luxemburgischen Schauspielerinnen Catherine Janke und Sarah Lamesch findet am 16. Oktober im Kapuzinertheater statt. „Apphuman“ von Ian De Toffoli in einer Inszenierung von Sophie Langevin ist das Ergebnis einer zweijährigen Recherche über die künstliche Intelligenz und wird am 12. November zum ersten Mal im Kapuzinertheater aufgeführt.

Zwei Tanzkreationen zum Auftakt

Im Dezember stehen zwei Tanzkreationen auf dem Programm: Jill Crovisier, die für die Kreationsresidenz in Annonay ausgewählt wurde, wird „Jinjeon“ präsentieren (Premiere am 2. Dezember), während Elisabeth Schilling zusammen mit der Pianistin Cathy Krier mit „Hear Eyes Move“ einen originellen Zugang zu den virtuosen „Études pour piano“ des ungarischen Komponisten György Ligeti bietet (Premiere am 16. Dezember). Die Tanzsaison wird derweil erst so richtig in der zweiten Spielzeithälfte beginnen.
„Habiter le temps“ von Rasmus Lindberg in einer Szenografie von Clio Van Aerde feiert am 6. Januar Premiere. Ein großer Klassiker steht mit „On ne badine pas avec l’amour“ von Alfred de Musset in einer Inszenierung von Laurent Delvert ebenfalls Anfang des Jahres auf dem Spielplan (Premiere am 26. Januar). Auf eine weitere Koproduktion mit dem Staatstheater Mainz darf man sich ebenfalls bereits jetzt freuen: Die junge Luxemburger Autorin Mandy Thiery schreibt einen Text über Grenzen: „Das Fenster“ (Premiere am 26. Februar) mit unter anderem Timo Wagner. Die weitere Besetzung steht noch nicht fest. „Dadurch dass viele Produktionen verschoben wurden, ist es jetzt in der neuen Spielzeit nicht immer so einfach, Schauspieler zu finden. Es ist natürlich gut, dass sie jetzt alle viel Arbeit haben, aber da gilt es noch ein paar Puzzlestücke zu finden“, gab der Direktor zu bedenken.  
„Unsere englischsprachige Saison ist besonders stark von der Corona-Pandemie betroffen. Die Situation im Vereinigten Königreich ist schwierig, die Wiedereröffnung der Theater ist nicht vor Jahresende vorgesehen, und internationale Tourneen sind nicht vor Frühling nächsten Jahres geplant. So viele tolle Projekte, die wir vorgesehen hatten, können nicht stattfinden“, bedauerte Leick, freute sich aber, dass Anne Simon diesbezüglich für Abhilfe sorge. Sie wird im April „The Hothouse“ von Harold Pinter inszenieren.
Den Abschluss der Saison bilde ein Projekt, auf das er sich jetzt schon freue, sagte Leick: „Mendy – Das Wusical“ von Helge Schneider und Andrea Schumacher unter der Regie von Tom Dockal und Jacques Schiltz „mit einer tollen Besetzung“. Dieses Stück verbindet Slapstick, Komödie, Märchen und Musical miteinander (Premiere am 29. April).
In der anstehenden Spielzeit stehen außerdem verschiedene Auslandstourneen an. „Seit Jahren streben wir eine internationale Reichweite mit unseren Kreationen an. Wir möchten unsere Arbeit im Ausland zeigen und vor allem unseren Künstlern mehr Auftrittsmöglichkeiten verschaffen“, sagte Leick. So wird etwa „Breaking the waves“ von Myriam Muller durch Frankreich und Belgien touren. 17 Vorstellungen sind vorgesehen.

Später Start in die musikalische Saison

„Die musikalische Saison ist besonders im Herbst noch stark von der Krise markiert. Vieles, was wir vorgesehen hatten, musste verschoben werden. Zumindest die Zusammenarbeit mit dem OPL wollten wir aber retten“, bemerkte der Direktor. Das Konzert am 20. November steht unter dem Motto „An evening at the opera“. Zwei musikalische Projekte folgen im Dezember: „Le Ballet royal de la nuit“ unter der Direktion von Sébastien Daucé und „Magic Mozart, un cabaret enchanté“ unter der Leitung von Laurence Equilbey. Erst im Februar wird mit „Orphée et Eurydice“ wieder eine „richtige“ Oper auf die Bühne des Großen Theaters gebracht.
Der Verkauf der Abonnements ist bereits angelaufen. Der freie Ticketverkauf beginnt im September. Was die Sitzverteilung anbelangt, so ist momentan vorgesehen, jeweils einen Platz zwischen den Zuschauern freizulassen, dafür aber das Tragen der Maske vorauszusetzen. Alles hänge aber  von der weiteren Entwicklung ab. „Es ist eine Gratwanderung, wir müssen flexibel bleiben. Die Sitzplatzzuteilung wird noch eine Herausforderung. Wir müssen aber verantwortlich bleiben und auf uns aufpassen, sonst ist die ,Rentrée‘ nicht garantiert“, hielt Leick fest.
Programm und Informationen unter www.theatres.lu