Hätte das Bildungsministerium auf das Lehrersyndikat SEW/OGBL gehört, hätten Unkosten vermieden und möglicherweise sogar das aktuelle Desaster verhindert werden können: Mit diesem Satz lässt sich die Reaktion des SEW auf die Ergebnisse eines Berichts der Universität Luxemburg über die Situation in der Berufsausbildung resümieren. Seit die Reform in Kraft ist, hat das Syndikat auf nicht weniger als 180 Seiten immer wieder - zwischen 2007 und 2015 demnach - auf die Probleme und Missstände aufmerksam gemacht. Die wiederholten Beanstandungen blieben ohne Reaktion. Die gleichen Kritiken - also nichts Neues - hat nun der Uni-Bericht zutage gebracht. „Dieses Geld hätte man sich sparen können“, stellte SEW-Präsident Jules Barthel gestern fest. Auch die „Chambre des Métiers“ ließ via Pressemitteilung wissen, dass ihre langjährigen Feststellungen in der Studie bestätigt wurden. An den Prinzipien der Berufsausbildung hält die Berufskammer zwar weiterhin fest, ruft Minister Claude Meisch aber dazu auf, die materiellen und organisatorischen Probleme nun endlich anzugehen.
Lehrpersonal ausgeschlossen und kritisiert
Im März 2013 war indes bereits eine SWOT-Analyse durchgeführt worden. Die Ergebnisse wurden nie vorgestellt. „Das Ganze ist in irgendeiner Schublade verschwunden, wohl weil die Resultate zu negativ waren“, mutmaßte Barthel. Für die Erstellung des nun vorliegenden Berichts wurden etliche Akteure befragt, mit Ausnahme des involvierten Lehrpersonals. Dass die Mitglieder des Syndikats wegen dieser Vorgehensweise „sehr aufgebracht“ sind, ist verständlich, umso mehr noch, da die Lehrer in der Auswertung der Uni-Experten „konstant angegriffen“ und als zu passiv sowie desinteressiert beschrieben werden. „Es wird praktisch so dargestellt, als wären wir verantwortlich für die ganze Misere“, beklagte Barthel. Ein Großteil der „Attacken“ komme aus den Berufskammern und den Betrieben, die laut SEW aber wenig Interesse daran zeigen würden, sich konstruktiv einzubringen. Die Berufskammern würden eher selten an den Treffen der Programmkommission teilnehmen, und der größte Teil der kontaktierten Betriebe habe eine Beteiligung an der Studie abgelehnt.
„Mise à plat“ der Reform gefordert
Laut Uni-Experten drängt sich unter dem Strich eine „mise à plat“, folglich komplette Überarbeitung der aktuellen Reform auf, wogegen sich das Ministerium jedoch ausgesprochen hat. „Die fünf Pisten, die nun vorgeschlagen wurden, sind der falsche Weg. Es wird weiter rumgebastelt, genau wie in den letzten fünf Jahren. Die fundamentalen Probleme bleiben aber bestehen“, stellte Barthel fest. Die Programme der 120 Ausbildungen zu überprüfen und zu überarbeiten sei in kurzer Zeit unmöglich. Es dürfe aber nicht wieder alles übers Knie gebrochen werden. Das SEW begrüßt, dass die Schüler nicht mehr automatisch versetzt werden sollen, fordert aber auch die Rückkehr zum traditionellen Notensystem und die Abschaffung des Kompetenzunterrichts. Die Technikerausbildung, auf die im Bericht trotz immenser Probleme nur am Rande eingegangen wird, soll nach Ansicht des SEW wieder ins „Technique“ integriert werden. Endlich richtig eingebunden zu werden, steht natürlich ganz oben auf der SEW-Wunschliste. „Diese Herkulesaufgabe kann nicht von dem aktuellen leitenden Team, dem seit 2007 die gleichen Leute angehören, bewältigt werden. Eine Erneuerung ist notwendig, um der Berufsausbildung letztlich zu einem Neuanfang zu verhelfen“, bemerkte Barthel schließlich, geht aber wenig optimistisch von einer never ending story aus.


