PATRICK WELTER

Was für ein Krampf. Europa schlägt sich schon mit Empire-nostalgischen Briten herum, hat ab morgen einen amerikanischen Präsidenten vor der Nase, der Weltpolitik als großen Immobiliendeal betrachtet, hat einen langjährigen Partner an der Südostflanke, der sich zum Führerstaat entwickelt, muss ein paar Pleitegeier durchschleppen und hunderttausende Flüchtlinge unterbringen. Gottbeseelte Terrorbuben und aufstrebende Reaktionäre mit Föhnwelle nicht zu vergessen. Fehlt noch grassierende Skepsis gegenüber „Brüssel“ unter Europas Bürgern . Die Liste der Probleme ist verdammt lang. Es gibt also wichtigeres, als mit der Reputation des Europa-Parlamentes Vabanque zu spielen. Aber offenbar war die sozialistische Fraktion nach dem Ausscheiden des beliebten Martin Schulz als Präsident, so von der Angst gebeutelt im Abseits zu landen, dass sie alle Absprachen vergaß. Informelle große Koalition hin, informelle große Koalition her.

Mal ging es darum, neben den „Konservativen“ Juncker und Tusk weiterhin einen „Linken“ auf einem der drei europäischen Spitzenplätze zu haben, mal hieß es „nicht den Berlusconi-Mann“. Juncker dürfte irritiert gegrinst haben, als man ihn, den ewigen Herz-Jesu-Sozialisten als Konservativen bezeichnet hat. Die polnische Regierungspartei PIS hatte einen kollektiven Schluckauf, als man den von ihr inniglich gehassten Donald Tusk - gerne als linker Quasi-Deutscher aus Danzig beschimpft - in Brüssel als konservativ einstufte.

Das Berlusconi-Argument gegen den Kandidaten und letztendlichen Gewinner Antonio Tajani wog da schon schwerer. Der gewesene Parteiführer B. darf sicherlich als Hallodri und Wegbereiter des postfaktischen Zeitalters betrachtet werden. Nähe zu ihm ist schon verdammt anrüchig. Dennoch sollte man sich fragen, ob Antonio Tajani in seiner Zeit als Industriekommissar der Europäischen Union, durch irgendwelche rechtspopulistische Sprüche aufgefallen ist. Ist er wohl nicht, denn die Liberalen hätten einen Teufel getan, einen Rechtsaußen zu wählen..

Leider ist der liberale Guy Verhofstadt, der eindeutig beste aller Bewerber, ein miserabler Zocker. Anstelle seine, den Zahlen nach, aussichtslose Kandidatur aufrecht zu erhalten und es vielleicht am Ende doch noch als Kompromisskandidat auf den Präsidentenstuhl zu schaffen, spielt er „Comedia del Arte“. Das Angebot an das europafeindliche Tingeltangel „MoVimento 5 Stelle“ es in die liberale Fraktion einzubinden, kann eigentlich nur dem Genuss von zu viel Genever zugeschrieben werden. Eine Schnapsidee. Immerhin stimmte der gute Guy zum Schluss gegen seinen eigenen Vorschlag. Kurz darauf zog er auch seine Kandidatur zugunsten von Tajani zurück, ihm reichte das Angebot der Christdemokraten aus, sich für mehr Einfluss der Liberalen in Brüssel einzusetzen. Der Deal muss so gut sein, dass man in der ALDE dazu bereit war, die „Kröte“ (Zitat Graf Lambsdorff, FDP) Tajani zu schlucken. Trotz des Schachzugs, mit Gianni Pittella einen anderen Italiener gegen Antonio Tajani aufzustellen, waren die Sozialisten zum Schluss die Blamierten. Kein Präsident, keine Koalition, kein Einfluss.

Martin Schulz dürfte das nicht mehr kratzen. Es wäre ein Wunder, wenn er nicht Nachfolger von Frank-Walter Steinmeier als deutscher Außenminister würde.