LUXEMBURG
SVEN WOHL

„Neon Genesis Evangelion“ landet auf dem Streamingdienst Netflix

Neon Genesis Evangelion“ (NGE) ist kein Anime wie jeder andere. Die japanische Serie rund um drei Teenager, welche in Kampfrobotern gegen Außerirdische die Welt verteidigen müssen, sorgte Mitte der 90er für viel Aufregung. Nicht nur im Herkunftsland Japan sondern auch im Westen, wo die wenigsten bis dahin etwas von Anime gehört hatten.

Einblicke in die Psyche

Die Story lässt anfangs nicht erahnen, was den Zuschauer hier erwartet: Die Handlung spielt 15 Jahre nach einer Katastrophe, die beinahe die Menschheit ausgelöscht hätte. Diese zieht sich in Festungsstädte zurück, um einer weiteren Katastrophe zu entgehen. Als sogenannte „Engel“ kommen und versuchen, eine weitere Katastrophe auszulösen, versucht man, mit gigantischen Robotern sich gegen diese zu wehren. Dass diese Roboter von 14-Jährigen gesteuert werden, die einem enormen psychischen Druck standhalten müssen und hinter den Engeln, wie auch der Organisation, welche die Menschheit verteidigen soll, mehr steckt, als man zunächst vermutet, machen den Reiz der Serie aus.

Das Publikum der 90er war unlängst - zumindest in Japan - sogenannte Mecha-Anime gewohnt. Hierin wird in großen Robotern meistens gegen Monster, Aliens oder andere Roboter gekämpft. Doch die Mischung aus Psychologie, Ikonographie, die den christlichen Glauben entlehnt ist, und einer unvorhersehbaren Handlung war ein Erfolgsrezept. Im Westen folgten schnell Veröffentlichungen auf Videokassetten, nachdem die Serie im Herkunftsland boomte. Erste Ausstrahlungen im Fernsehen erfolgten zwar wesentlich später, doch in der damals aufkeimenden Anime-Fangemeinde war die Serie sofort Kult - doch meistens bloß als Geheimtipp. Dass aus heutiger Sicht die Animation etwas altbacken wirkt, ändert an dieser Tatsache nichts.

Nicht nur das, der Einfluss von NGE ist nach 20 Jahren immer noch deutlich zu spüren. Selbst Erfolgsserien wie das letztjährige „Darling in the Franxx“ lehnen sich teilweise immer noch an Dynamiken, die aus NGE bekannt sind, an. Diese Inspirationsquelle ist zum Selbstläufer geworden, als man sich entschied, die NGE-Serie der 90er in eine Animationsfilmreihe zu verwandeln. Die drei zwischen 2007 und 2012 erschienenen Filme können als eine Neuerzählung des gleichen Stoffes interpretiert und durchaus separat genossen werden. Mit wesentlich höherem Budget, versteht sich.

Zum Wiederentdecken und für Neulinge

Dass die ursprüngliche Serie ihren Weg auf Netflix findet macht sie einer neuen, wesentlich breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Die Serie ist sowohl im deutschen wie auch im englischen Sprachraum schwer zu erhalten - besonders dann, wenn es um die beiden Filme „Death and Rebirth“ und „End of Evangelion“ geht. Die Erstveröffentlichung auf einem legalen Streamingdienst unterstreicht weiter, dass Netflix auch auf dem Anime-Markt, der lange als eine reine Nische galt, mitmischen möchte. Dass man sich hier so sehr auf Serien konzentriert, die in den 90ern und der Jahrtausendwende eine große Rolle spielten, ist nicht neu. Allein die Animefilm-Umsetzung von Tsutomu Nihei’s Cyberpunk-Meisterwerk „Blame!“ war Hinweis genug, dass man Alteingesessene erreichen möchte. Die freuen sich bereits allein über den Nostalgietrip. Alle, die auch nur ansatzweise etwas mit Anime anfangen können oder einen anspruchsvollen Einstieg wagen möchten, sind hier richtig: NGE ist komplex, herausfordernd und immer noch absoluter Kult.