MERSCH
SIMONE MOLITOR

„Mierscher Kulturhaus“: Programm der Saison 2019/20 trägt neue Handschrift

Claude Mangen ist angekommen und hat der nächsten Spielzeit seinen Stempel aufgedrückt: Anfang des Jahres hat er das Ruder im „Mierscher Kulturhaus“ übernommen und nun das erste Programm vorgestellt, das seine Handschrift trägt. „Dieses Programm steht zugleich im Zeichen der Kontinuität wie der Erneuerung“, bemerkte Marc Fischbach, Präsident des Verwaltungsrats, gestern bei der Vorstellung. „Unser Kinder- und Jugendangebot sowie andere Inklusionsprojekte gehören zur Identität dieses Hauses. Erneuerung wird mit sechs eigenen Produktionen geboten sowie mit zwei vielseitig aufgearbeiteten Schwerpunkten von gesellschaftspolitischer Relevanz, mit denen der neue Hausherr seine ersten persönlichen Spuren hinterlässt. Es ist ein hochkarätiges Programm, das letztlich bestätigt, dass wir mit Claude Mangen den richtigen Nachfolger für Karin Kremer gefunden haben“, lobte Fischbach.

„Wenn man die Kulturszene aus seinem früheren Leben kennt wie die eigene Hosentasche, kann dies von Vorteil sein, muss es aber nicht. Natürlich hat man Kontakte, und die Wege sind kurz. Andererseits bleibt man immer ein bisschen in seiner Komfortzone gefangen“, gab Claude Mangen zu bedenken. Trotzdem habe er versucht, Neues zu entdecken, sich überraschen zu lassen und den Gelegenheiten nachzugehen, die sich dem Haus geboten hätten. „Schließlich steckt hinter jeder Programmgestaltung aber auch immer eine subjektive Wahl“, erklärte Direktor, der letztlich „eine gesunde Mischung aus Neuem, Ungewohntem, vielleicht sogar Experimentellem, aber auch Klassischem und Traditionellem“ für die kommende Saison in Aussicht stellte.

Programmgestaltung in Zeiten des Umbruchs

„Wir leben in Zeiten des Umbruchs, alte Gewohnheiten werden hinterfragt, und daraus ergibt sich eine gewisse Unsicherheit und Unruhe. Die Kultur bietet eine Art Anker, um diese verrückte Welt besser zu verstehen, zu hinterfragen und eventuell neu zu denken. Als Programmverantwortlicher muss man sich mit diesen Realitäten auseinandersetzen. Unsere Räume müssen Orte sein, wo Künstler und Publikum zusammenfinden, wo sie sich wohlfühlen, wo mit viel Toleranz kontroverse Meinungen ausgetauscht werden und wo Fantasie sowie Inspiration ihren Platz finden, um letzten Endes neue und vielleicht sogar bessere Welten zu erträumen“, führte der künstlerische Leiter weiter aus. Das Merscher Kulturhaus nehme diese Herausforderungen an und biete ein vielseitiges Programm mit zwei großen Schwerpunkten.

Der erste Schwerpunkt: „Power to the people: Kultur vom Widerstand“. Der Fokus wird auf Themen wie Freiheit, Engagement, Mitbestimmung, Widerstand, Politik und partizipative Demokratie gerichtet. Der Hintergrund: Populismus, totalitäre Propaganda, Gruppenfeindlichkeit, demnach die Herausforderungen für demokratische Systeme, die immer weiter zunehmen. Hervorheben kann man etwa die Inszenierung „Hannah Arendt auf der Bühne“ (8.10), basierend auf dem gleichnamigen Buch von Marion Muller-Colard und Clémence Pollet, „Swing heil!“ (11.10), ein Doku-Theater über Swing-Musik im dritten Reich, oder auch noch „Democracy is coming“ (12.10), eine musikalische Lesung über Dylan, Cohen und andere Weggefährten. Kernstück dieses Themenblocks ist unterdessen der Workshop für Schulklassen „Beweg (dich) etwas!“ (30.09-02.10) mit Fabienne Elaine Hollwege, bei dem die Eigeninitiative der jungen Leute gefördert und ihre Identifikation mit der Gemeinschaft gestärkt werden soll. Dieser mündet dann in der Diskussionsrunde „Quo vadis democratia“ (03.10), bei dem Akteure aus Gesellschaft und Politik mit Jugendlichen diskutieren.

Fokus auf Mersch und das Wachstum

Ein zweiter Schwerpunkt wird auf Mersch selbst gelegt, beziehungsweise auf das Thema „Wuesstem: Miersch - eng Stad, déi wiisst“. „Mersch hat sich auf vielen Ebenen verändert und wächst immer weiter. Diese aktuelle Dynamik und Energie wollen wir einfangen“, meinte Mangen. Eine erste Expo in diesem Kontext trägt den Titel „Miersch, Metropol vun der Lëtzebuerger Bauerewelt“ (07.11-01.12). Daran knüpft am 7. November ein Diskussionsabend zum Thema „Agrarwirtschaft“ an. Zwei weitere Ausstellungen erwarten die Besucher nächstes Jahr, etwa „L’Agrocenter à Mersch vu par le photographe Christian Aschman“. Im Mai steht die Premiere von „Piccolo Paradiso“ in Form einer szenischen Lesung von Ed Maroldt an, der schwarz-heitere Überlegungen zur Problematik des Wachstums führt. Und dann hat das Kulturhaus auch noch vor, mit vielen Partnern kleine Gärten in Mersch anzulegen (ab März), dies um mit den vielen Baustellen zu kontrastieren.

Hommage an Pir Kremer

„Kreationen haben Priorität in der Programmgestaltung. Es soll sich lohnen nach Mersch zu kommen“, unterstrich der Direktor. Zum 100. Geburtstag von Pir Kremer wird unter dem Ausstellungstitel „ZesummegePIKtes“ ein Rückblick auf das Leben und Werk des Autors geboten (ab dem 12.12). „Um Stamminee“, eine musikalisch-satirische Revue über die 1960er und 1970er Jahre aus dem Mund von Pir Kremer, steht unter der Regie von Claude Mangen ab dem 13. Dezember auf dem Programm. „Dido and Aeneas“, eine barocke Oper von Henry Purcell erlebt im Februar in Mersch eine Neuinszenierung. Auch für diese zeichnet Mangen verantwortlich. „Das mag unüblich sein, da ich genau dies jedoch seit 30 Jahren mache, sehe ich keinen Grund, damit aufzuhören, weil ich jetzt ein Kulturhaus leite“, bemerkte er.

Zwei Kreationen stehen auch im Kinderbereich auf dem Spielplan: „Meisterin Hüpf und der scheue König“ von Fabienne Biever (im März) - erstmals übernimmt Schauspieler Germain Wagner eine Rolle in einem Kindertheaterstück - und „D’Mina an déi vergiesse Melodie“ anlässlich des 250. Geburtstags von Beethoven, präsentiert vom Trio DORA (im Juni). Die Musik hat auch weiterhin ihren Platz in dem Kulturhaus. Hervorheben kann man etwa „Carmina Burana“ mit dem „Choeur de Chambre de Luxembourg“, bei dem nicht weniger als 90 SängerInnen mit dem „Orchestre Symphonique de la Grande Région“ und der Militärmusik auf der Bühne stehen (20.05). Auch auf die drei Konzerte des „Summer Orchestra Luxembourg“ unter der Leitung von Pit Brosius darf man sich freuen. Das erste findet bereits am 4. August statt. In dieser Saison sind sogar Liegekonzerte im Angebot, und weitere neue Formate wie etwa „Sonndes Brunch“ oder „living library“.

Etwas fehlt derweil: zeitgenössischer Tanz. „Inzwischen haben sich auch andere Häuser in diesem Bereich positioniert. Ich habe mir erlaubt, eine Pause einzulegen, um darüber nachzudenken, was wir in diesem Kontext bieten könnten, was eine Besonderheit für unser Haus wäre. Zeitgenössischer Tanz wird seinen Platz aber wiederfinden“, versprach er. Beibehalten wird derweil das Projekt „blanContact“, bei dem Tänzer mit und ohne Behinderung auf der Bühne stehen. Das neue Stück „R-E-F-L-E-X-E-S“ wird im April aufgeführt.

Das ganze Programm unter www.kulturhaus.lu