LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

„Bibliotherapy a.s.b.l“. hilft bei der Integration

Als Geflüchteter in einem fremden Land hat man es bekanntermaßen nicht leicht. Schwer wiegen die Traumata und schlimmen Erinnerungen, die aufgrund von Krieg und Flucht den Alltag der Menschen prägen. Zwar ist die Erleichterung sicherlich groß, endlich in einem sicheren Land angekommen zu sein, jedoch sind Entwurzelungsgefühle, Sehnsüchte nach der alten Heimat und Fremdelei vor der neuen Kultur nur allzu bestbekannte Wegbegleiter. Dem sind sich auch Patricia Schurmann und Raquel Luna aus Waldbredimus und Luxemburg-Stadt bewusst. Vergangenes Jahr gründeten sie mit der Unterstützung der „Œuvre Nationale de Secours Grande-Duchesse Charlotte“ die „Bibliotherapy a.s.b.l.“ und verfolgen seitdem das Ziel, das Leben von Flüchtlingen mit ihrer „Bibliothek ohne Grenzen“ zu verbessern. Seitdem fahren sie regelmäßig in die Foyers, um dort Bücher auszuleihen und Workshops zu organisieren.

Aus der Notsituation

Seit der Flüchtlingskrise wurde deutlich, wie dringend die Arbeit mit den schutzsuchenden Menschen gebraucht wird. In den Wohnheimen treffen Menschen verschiedenster Kulturen aufeinander, jeder mit seiner eigenen Geschichte, jeder mit seinen eigenen schlechten Erfahrungen. „Die Leute müssen in einer ihnen unbekannten Umgebung weilen, und noch dazu mit ihren Depressionen und Ängsten klarkommen. Nicht selten werden sie auch mit Vorurteilen und Rassismus konfrontiert. Wir haben uns gefragt, wie wir die Verbindung zwischen den Kulturen und den Individuen sanft herstellen könnten“, berichtet Raquel Luna. Bücher stellen hierfür ein geeignetes Medium dar: Sie regen zum Austausch über Probleme und Gefühle an, ohne dass dabei auf die individuelle Situation eingegangen werden muss. Die Freiwilligen der „Bibliotherapy“ fahren die verschiedenen Wohnheime alle zwei Wochen an oder organisieren Treffen an öffentlichen Plätzen. Mit im Gepäck sind Bücher in arabischer Sprache, in Farsi oder Tigrinya, das in Eritrea und Äthiopien gesprochen wird, aber auch in Luxemburgisch, Deutsch, Französisch und Englisch. In den Buchbestand werden hauptsächlich Bücher aufgenommen, die mit Kultur oder Sprache zu tun haben. „Wir bieten Bücher rund um Luxemburg und Europa an, einige Klassiker, aber auch welche zum Lernen einer Sprache. Wichtig ist, dass die fremdsprachigen Bücher nicht zu schwierig sind, und dass sie das Wohlbefinden und die Interaktion zwischen den Menschen fördern können. Vor allen Dingen geht es darum, ein gemeinsames Verständnis des Anderen und seiner Kultur voranzubringen“, erklärt Patricia Schurmann.

Kulturen gemeinsam kennenlernen

Neben dem Verleih von Büchern bieten sie Workshops für Erwachsene an, in denen gemeinsame Lektüre und Diskussion auf dem Programm stehen. Mit den Kindern wird sich aber vorwiegend durch Tanz und Malerei den Geschichten genähert. Was genau gemacht wird, entscheidet sich je nach Anzahl der Teilnehmer und nach deren persönlichen Situation. „Oft wird deutlich, dass die Menschen vor allen Dingen einen Bedarf an Austausch und Gesprächen haben. Bevor wir mit der Lektüre beginnen, gilt es zunächst, Kontakt aufzunehmen und Vertrauen aufzubauen. Wir sind keine Psychologen oder Lehrer, uns geht es um Austausch und Zusammenleben. Erst wenn man verstehen will, wie es dem anderen geht, wird sich dieser auch selbst öffnen“, berichtet die Britin Marianne de Mazières, eine der freiwilligen Mitarbeiter.

Anhand der Texte ergibt sich eine sehr gute Gelegenheit, in die Kultur des anderen einzutauchen. Die Leute freuen sich, dass sie etwas aus ihrem Land preisgeben und Geschichten aus der Heimat teilen können. So können Gefühle wie Entwurzelung oder Einsamkeit etwas gelindert werden. Dass erhöhter Bedarf an solcher Arbeit besteht, bestätigt auch die hohe Nachfrage aus den Foyers. Diese haben die „Bibliotherapy“-Leute mit offenen Armen empfangen, und wissen um die Notwendigkeit solcher Rahmenprogramme. Oft haben die Bewohner der Foyers nämlich sehr lange nichts zu tun, sie langweilen sich oder versinken in ihren Gedanken. Die Literaturworkshops bringen zudem auch Abwechslung von den ganzen administrativen Prozeduren, die auch an den Nerven der Menschen zehren.

Keine sprachlichen Barrieren

Probleme gab es bisweilen nicht, berichtet die in den USA geborene Marijane Andreopolus, eine ehrenamtliche Helferin: „Kommunizieren klappt auch besser als erwartet. Man arbeitet auch mal mit Händen und Füßen, aber es findet sich immer jemand, der einem beim Übersetzen hilft. Es gefällt den Leuten, so mithelfen zu können. Zudem gibt es in vielen Foyers Dolmetscher, die Farsi oder Tigrinya können. Aber die meisten Teilnehmer können Englisch, es ist nur selten jemand dabei, der wirklich gar nichts versteht.“ Auf die Frage hin, was sie zur Mitarbeit motivierte, verriet sie ihre persönlichen Gründe: „Mein Großvater ist selbst damals in die USA geflüchtet, und hat oft berichtet, wie dies damals alles abgelaufen ist. Das prägt einen dann schon. Zudem war ich einige Jahre in einem arabischen Staat wohnhaft, und habe mich dort mit der Kultur und der Sprache beschäftigt. Ich habe aber auch bereits im Foyer in der LuxExpo Sprachunterricht gegeben. Ich kümmere mich gerne!“

Dass die Arbeit von „Bibliotherapy“ Früchte trägt, bestätigt auch Patricia Schurmann: „Es ist schön zu sehen, dass die Teilnehmer mittlerweile gezielt auf uns zu kommen, nach Literatur fragen und auch sprachliche Fortschritte machen. Sie freuen sich, wenn wir ankommen und nehmen gerne an den Workshops teil.“ Auch ihr Anliegen, sich für die Flüchtlinge einzusetzen, ist von ihren eigenen Erfahrungen geprägt: „Ich bin selbst aus Mexiko emigriert. Damals habe ich angestrengt nach Büchern in meiner Sprache gesucht, es gab aber nur ganz wenige. Ich sehe Literatur als wichtiges Instrument für Integration an, da sie den multikulturellen Kontakt fördert. Zudem setze ich mich gerne für meine Mitmenschen ein, und verspüre auch den Drang, Leuten in schlimmen Situationen Gutes zu tun.“ Mittlerweile sind acht Freiwillige regelmäßig, und einige weitere sporadisch im Einsatz, gebraucht werden aber noch mehrere, da die Anfragen aus den Foyers immer zahlreicher werden.

Wenn Sie sich ebenfalls engagieren oder Bücher spenden wollen, können Sie sich unter www.bibliotherapy.lu weitere Informationen besorgen.