LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Einzigartige Ausstellung im MNHA: „De Mena, Murillo, Zurbarán - Meister des spanischen Barock“

Seit kurzem bietet das „Musée national d’histoire et d’art“ (MNHA) der eindrucksvollen spanischen Kunst des 17. Jahrhunderts eine Bühne – einer Kunst, die ganz und gar dem Glauben verschrieben ist. Neben den Gemälden renommierter Meister wie Francisco de Zurbarán, Bartholomé Esteban Murillo oder Alonso Cano bildet eine Gruppe von acht hyperrealistischen Statuen des großen Barockbildhauers Pedro de Mena den Höhepunkt der Ausstellung.

Entstanden ist die Schau in Zusammenarbeit mit dem Museum des Sint-Janshospitaal in Brügge, wo sie auch zuerst zu sehen war, wenngleich nicht in dem gleichen Umfang, wie MNHA-Direktor Michel Polfer betont. „Die Ausstellung ist einzigartig, dies in vielerlei Hinsicht und zwar nicht nur für Luxemburg. Erstmals wird diesseits der Grenzen spanische Barockmalerei in Kombination mit Skulpturen der gleichen Epoche gezeigt. Das hier präsentierte Ensemble war darüber hinaus noch nie in diesem Umfang außerhalb Spaniens zu sehen“, erklärt er. Noch dazu bietet sich die Gelegenheit, einen bisher verkannten Aspekt des „Siglo de Oro“ kennenzulernen. Selten wird nämlich über die Bildhauerkunst dieser Epoche gesprochen.

Acht der zehn ausgestellten Skulpturen stammen vom wichtigsten spanischen Bildhauer des 17. Jahrhundert, Pedro de Mena (1628-1688). „In Spanien selbst sind seine Werke noch relativ häufig an jenen Orten zu finden, für die sie geschaffen wurden, in Kirchen, Kathedralen, Klöstern und religiösen Orden oder auch in einigen öffentlichen Sammlung. Außerhalb Spaniens sind sie dagegen extrem rar. Es handelt sich also um eine einzigartige Gelegenheit, sich mit diesem Künstler und seinem Werk vertraut zu machen“, unterstreicht der Museumsdirektor.

Unruhige Zeiten in Europa

Ein Blick in die Geschichtsbücher reicht, um sich die damals in Europa sehr unruhige Zeit zu vergegenwärtigen. In den Niederlanden wütete der nicht enden wollende Aufstand der nördlichen Provinzen, in Mitteleuropa der Dreißigjährige Krieg. Die Ursachen dafür waren vielfältig: religiöse Gegensätze zwischen Katholiken, Calvinisten und Lutheranern, aber auch Interessenkonflikte und Machtkämpfe zwischen europäischen Herrschern. Die bis Oktober im MNHA laufende Ausstellung gilt es deshalb eben in diesem Spannungsfeld zwischen Protestantismus und katholischer Gegenreformation im geografischen Rahmen Spaniens des 17. Jahrhunderts zu betrachten. „Spanien sah sich damals als der Beschützer des katholischen Glaubens schlechthin. Die spanischen Könige unterstützten die Gegenreformation mit allen militärischen, politischen und auch künstlerischen Mitteln. Europa sollte von der protestantischen ,Infektion‘ befreit werden. Die hier gezeigten Werke soll man sich in eben diesem ganz präzisen Kontext vorstellen. Sie greifen letztlich die großen Themen der Gegenreformation auf, wozu insbesondere die Unbefleckte Empfängnis gehört“, erläutert Polfer. Die religiöse Kunst erlebte – als Instrument von Lehre und Frömmigkeit - einen regelrechten Aufschwung im „Siglo de Oro“.

Hyperrealistisch und dramatisch

Möglichst realistisch und dramatisch wurden die katholischen Glaubensinhalte in den Gemälden und Skulpturen dargestellt, dies mit dem Ziel, die Seele des Betrachters zu berühren und möglichst starke Gefühle der Anteilnahme zu wecken, um so den Glauben zu stärken. Die Plastiken von Pedro de Mena können als hyperrealistisch bezeichnet werden, derart viel Sorgfalt verwendete er auf die Physiognomie.

Mit der Ausstellung wird noch dazu das Ziel verfolgt, die spanische Skulptur des 17. Jahrhunderts ins rechte Licht zu rücken. „Der Mangel an Anerkennung, der ihr heute entgegengebracht wird, ist keineswegs gerechtfertigt. Das Niveau der Qualität ist durchaus mit dem der Malerei zu vergleichen“, stellt Polfer klar. Häufig hätten die Künstler ohnehin zusammengearbeitet und sich gegenseitig beeinflusst. „Einige, wie Alonso Cano, waren sogar in beiden Bereichen tätig. Die ,Herabwürdigung‘ der Skulptur gegenüber der Malerei scheint mir absolut nicht gerechtfertigt zu sein“, bemerkt er. Spätestens der Gang durch die beiden Ausstellungsräume liefert den eindeutigen Beweis.

Experimentelle Kunstgeschichte

Bevor es nach links in die eigentliche Schau geht, blickt man im Eingangsbereich auf ein einzigartiges Bild. Es zeigt die Röntgenanalyse einer der barocken Holzskulpturen, nämlich „Saint François d’Assise“ von Pedro de Mena. Auf Initiative von Muriel Prieur, Chef-Restauratorin des MNHA, wurden die Werke im Vorfeld der Ausstellung als Patienten der etwas anderen Art ins „Centre Hospitalier du Nord“ (CHdN) in Ettelbrück eingeliefert und von der Mannschaft der Radiologie-Abteilung genauer unter die Lupe genommen (Foto auf der rechten Seite). Die Ergebnisse und weitere technischen Aspekte werden in einem gesonderten, didaktischen Expo-Teil veranschaulicht. „Dahinter steckt die Idee, den Besuchern Einblick ins Innenleben dieser polychromierten Statuen zu gewähren und ihnen auch die verschiedenen Techniken der damaligen Bildhauer sowie Polychromeure näherzubringen. Bis ins 17. Jahrhundert hinein waren dies zwei unterschiedliche Berufe. Für das Gesamtkunstwerk waren demnach meist zwei Künstler verantwortlich“, erklärt Muriel Prieur. Die verschiedenen Etappen bis zur Fertigstellung einer vielfarbigen Skulptur wurden zudem vom „Service Restauration“ des MNHA nachgestellt, Mustermodelle angefertigt und das Ganze in Videos veranschaulicht.

Noch dazu liegt eine Auswahl des Materials, das von den Künstlern des 17. Jahrhunderts verwendet wurde, zur Entdeckung in einer Vitrine bereit. Experimentelle Kunstgeschichte nennt man das.

Außergewöhnliche Patienten im Nordspital

Um die Komplexität der Innenstruktur der Objekte zu erforschen, wurden die Plastiken einer bisher nie da gewesenen Röntgenanalyse unterzogen, um sozusagen in ihre „Eingeweide“ einzutauchen. Für diese Aktion waren die Röntgen-Spezialisten des CHdN am 24. Oktober 2019 – ehrenamtlich nach Feierabend - bis in die Nacht im Einsatz. Die Aufregung war groß und die Spannung natürlich auch, immerhin war man sich überhaupt nicht sicher, ob es mit den medizinischen Apparaten gelingen würde, durch das Holz – der meistgenutzte Werkstoff im Goldenen Zeitalter der spanischen Kunst - und die dicke Farbschicht zu „blicken“.

Drei medizinische Geräte kamen schließlich zum Einsatz. Mittels Scanner war es möglich, dreidimensionale Rekonstruktionen zu realisieren, um so zu sehen, wie die einzelnen Skulpturen aufgebaut sind. Danach wurden die barocken Kunstwerke geröntgt, wodurch ein besseres Gesamtbild möglich wurde. Schließlich folgte die „Téléradiographie“, die es erlaubt, die Objekte als Ganzes zu visualisieren. Das Resultat hat alle Erwartungen übertroffen. Viele wertvolle und interessante Informationen konnten gesammelt werden. „Die Scans sind spektakulär. Viele neue Erkenntnisse konnten gewonnen werden, die niemand so vermutet hätte. Von außen erscheinen die Skulpturen mit ihrer äußerst realitätsnahen polychromierten Oberfläche perfekt, doch im Innern weisen sie eine total andere Realität auf. Mithilfe von etlichen Nägeln und Dübeln wurden sie aus mehreren Einzelteilen zusammengesetzt. Erst durch die Polychromie haben sie ihr perfektes Erscheinungsbild erhalten. Manche Statuen haben sogar eine Zunge und Zähne, die man von außen gar nicht sieht. Echtes Haar, um die Augenbrauen nachzubilden, gehörte auch dazu. Daran wird deutlich, wie hyperrealistisch damals gearbeitet wurde. Höchstmögliche Perfektion in der Physiognomie sollte erreicht werden. Der Realismus wurde fast bis zum Absurden getrieben“, lacht Michel Polfer.

Marienverehrung im Mittelpunkt

„Wenn man sich erst einmal mit der Technik in diesem ersten Raum vertraut gemacht hat, sieht man die Skulpturen mit ganz anderen Augen und entdeckt viele Details, die man dann auch besser versteht“, so Polfer weiter. Mit diesem Wissen betreten wir schließlich die eigentliche Ausstellung. In den Räumen herrscht eine intime, beinahe schon düstere Atmosphäre, die jener in Kirchen nachempfunden ist, also dem religiösen Kontext, für den diese Werke seinerzeit geschaffen wurden, dies, wie erwähnt mit dem Ziel, den Glauben zu stärken.

Besonders häufig werden die Rolle der Mutter Gottes und die Unbefleckte Empfängnis in der spanischen Kunst der Gegenreformation dargestellt, dies um die Marienverehrung gegen den protestantischen Zweifel zu verteidigen. Veranschaulicht wird dies etwa in den Gemälden von Alonso Cano (1601-1667). Auch die trauernde Maria und der leidende Christus sind häufige Sujets. De Meno schuf mehrere solcher Büsten, etwa „Mater Dolorosa“ (um 1680), deren Betrachtung tatsächlich beinahe schon ein beklemmendes Gefühl heraufbeschwört und zweifelsohne Empathie weckt. Auch der Maler Bartholomé Esteban Murillo (1617-1682) bietet eine ergreifende Darstellung der trauernden Mutter Gottes. Der zweite Ausstellungsraum ist indes der Darstellung von Kindern oder auch des jungen Christus - isoliert von der Mutter - gewidmet. Diese Statuen sollten bei der Betrachtung Gefühle von Dankbarkeit und mütterlicher Liebe auslösen.

Die Ausstellung „De Mena, Murillo, Zurbarán - Meister des spanischen Barock“ kann noch bis zum 18. Oktober im Nationalmuseum für Geschichte und Kunst besucht werden - Alle Infos unter www.mnha.lu

De Mena, Murillo, Zurbarán - Meister des spanischen Barock

Praktisches zur Ausstellung

Geführte Besichtigungen

Im Februar
  am 13. um 18.00 (FR)
  am 27. um 18.00 (DE)
Im März
  am 12. um 18.00 (LU)
  am 26. um 18.00 (FR)


Thematische Besichtigungen

23. Februar und 15. März
  15.00: „L’art baroque – l’arme de la contre-réforme“ (FR)
29. März
  15.00: „In Pious Spain: Pedro de Mena’s hyperrealism or the language of contemplation“ (EN)
2. April
  18.00: „La poétique du baroque – Poésies en dialogue“ (FR)
10. Mai
  15.00: „De Grenade à Malaga: La trajectoire de Pedro de Mena - Le Bernini espagnol“ (FR)
14 Mai
  18.00: „Entre éloquence et théâtralité – L’empreinte sobre de Pedro de Mena dans le baroque espagnol“ (FR)


Workshops

16. Februar
  15.00: „La draperie des sculptures baroques“ (Einschreibung erforderlich)
2. & 3. Mai
  Von 13.30 bis 17.00
(Workshop in zwei Teilen): „Imitations de Brocart et de Damas dans la polychromie espagnole du 17e siècle“ (Einschreibung erforderlich)


Konferenzen  

5. März
  18.00: „Zäitmaschinn Erfuerschung vun de Bildhauertechniken am Atelier vum Pedro de Mena mat oninvasive Methoden“ (LU)
30. April
  18.00: „Angewandte Kunstgeschichte: Die Fassungstechniken in der Werkstatt des Pedro de Mena“ (DE)
7. Mai
  18.00: „From saints, prelates and monarchs to fruitsellers, beggars and aprrentice thieves. Observations on the impact oft he low countries on spanish baroque art“ (EN)