DIFFERDINGEN
SIMONE MOLITOR

Graffiti-Künstler Alain Welter verziert gerade die fünf Hadir-Kühltürme in Differdingen

Als der imposante Hadir-Tower in Differdingen vor einigen Jahren verschwand, blieben immer noch die fünf mächtigen Kühltürme als Wahrzeichen der Stahlindustrie in der „Cité du Fer“ erhalten. Nicht jeder findet Gefallen an den grauen Zeitzeugen aus Beton, die heute in Besitz von ArcelorMittal sind. An der hässlichen Beton-Optik kann sich nun zumindest bald niemand mehr stören. Seit Anfang Juli ist nämlich Künstler Alain Welter dort mit Pinsel und Spraydose im Einsatz und verwandelt alle fünf Kühltürme in echte Kunstwerke.

„Das wird wirklich ein richtiger Eyecatcher. Jeder, der von Differdingen nach Niederkorn fährt, sieht die bunten Türme“, schwärmt Réjane Nennig, Direktionsbeauftrage des „Aalt Stadhaus“ und Mitglied der Kulturkommission. Der Auftrag für die kunstvolle Gestaltung der Hadir-Kühltürme kommt nämlich nicht etwa von dem Stahlkonzern, sondern ist eine Initiative der Gemeinde Differdingen, die auch das Budget stellt. „Wir wollen Kunst in den urbanen Raum und an den Mann bringen. Nicht jeder hat Lust in eine Kunstgalerie zu gehen, das hier ist eine Möglichkeit, die Menschen doch mit Kunst in Kontakt zu bringen und unsere Gemeinde zu verschönern“, erklärt sie. Zwei Jahre Vorlauf waren derweil nötig, um dieses Großprojekt zu planen und auf den Weg zu bringen. Zuerst musste natürlich die Genehmigung beim Eigentümer ArcelorMittal eingeholt werden, was kein leichtes Unterfangen war, da die Direktion in diesem Zeitraum gleich dreimal wechselte. 

Acht bis zehn Stunden verbringt Alain Welter täglich in teils schwindelerregender Höhe auf dem Baugerüst - Lëtzebuerger Journal
Acht bis zehn Stunden verbringt Alain Welter täglich in teils schwindelerregender Höhe auf dem Baugerüst

Bekanntheitsgrad durch „Make Koler Kooler“

Auf Alain Welter als Künstler war man indes wegen seines vorherigen Projekts „Make Koler Kooler“ aufmerksam geworden. Für seine Bachelorarbeit hat der Graffiti-Künstler bekanntlich vor zwei Jahren sein Heimatdorf Kahler in eine farbenfrohe Open-Air-Kunstgalerie verwandelt. Den neuen Auftrag hat er ohne zu zögern mit großer Begeisterung angenommen. „Eine solche Gelegenheit bekommt man nicht jeden Tag“, sagt er und lacht. Noch bevor ArcelorMittal dem Vorhaben grünes Licht erteilt hatte, fertigte er erste Skizzen an. Schließlich kam das Einverständnis des Eigentümers und damit wurde das Kunstprojekt auch gleich noch eine Nummer größer. „Der Gemeinde Differdingen hätte es eigentlich gereicht, wenn ich die Vorderseite der Kühltürme, die also von der Straße aus sichtbar sind, bemale, ArcelorMittal äußerte dann aber den Wunsch, auch ihre Seite mit einzubeziehen“, erklärt uns der Künstler.

Gab es denn Vorgaben? „Nicht viele. Die einzige Bedingung, die ArcelorMittal hatte, war, dass ich auf ihrer Seite auch ihre Produkte mit in das Werk integriere. Deshalb habe ich im Vorfeld ein komplettes Briefing bekommen und wurde durch die Hallen geführt, um mir einen Einblick in die Produktion zu geben. Daraufhin habe ich einen Entwurf gemacht, dem sie zugestimmt haben. Von der Gemeinde Differdingen habe ich eine ,Carte blanche‘ bekommen, da wurde mir also relativ freie Hand gelassen.

Damit das Ganze nicht zu sehr nach Auftragsarbeit aussieht, habe ich entschieden, die Geschichte der Minett-Region auf den fünf Türmen darzustellen. Dazu gehören ja dann auch die Produkte der Stahlindustrie. Dieses Storytelling ist das Konzept. Zwei Schlüsselelemente ziehen sich übrigens durch alle fünf Türme: einerseits die Reihenhäuser, die typisch für diese Gegend sind und eben damals durch die Arbed entstanden sind, und andererseits dann die ganzen Waggons und Lokomotiven aus der Eisenindustrie. Hinzu kommen weitere typische Elemente aus dem Leben im Süden“, beschreibt Alain Welter.

Die Hälfte der Arbeit ist erledigt, dazu waren bislang über 100 Spraydosen und 30 Liter Farben nötig - Lëtzebuerger Journal
Die Hälfte der Arbeit ist erledigt, dazu waren bislang über 100 Spraydosen und 30 Liter Farben nötig

Erfahrung mit monumentalen Kulissen hat der

Urban-Art-Künstler bereits, schließlich hat er in Kahler 16 Hausfassaden mit seinen Spraydosen verziert und somit gleich einem ganzen Dorf ein neues Gesicht gegeben. Diesmal sei die Herausforderung aber noch größer. „Es geht darum, einen Turm zu bemalen, komplett rundherum, 360 Grad. Dafür eine Skizze zu entwerfen, die im Loop funktioniert und das dann auch noch fünfmal, ist wirklich nicht leicht. Hinzu kommen diese Schrägen und auch unebenen Stellen, für die es dann eine Lösung zu finden gilt.

Hundertprozentig an die Vorlage kann ich mich nicht halten. Das größte Problem ist aber, dass ich mir das Ganze wegen des Baugerüsts zwischendurch nicht aus einer gewissen Entfernung anschauen kann. Dadurch wird es extrem schwierig, einzuschätzen, wo ich gerade dran bin. Wenn ich also auf der einen Seite anfange, bin ich mir nicht sicher, wo ich auf der anderen Seite mit der Farbe ankomme“, gibt er zu bedenken. Genau das mache die Arbeit aber auch so spannend: „Für mich selbst ist es komplettes Neuland und das Komplexeste, Schwierigste und Größte, was ich bisher gemacht habe“. Total frei bewegen kann er sich auch nicht auf dem Industriegelände. Das sei alles streng geregelt, auch aus Gründen der Sicherheit, die in Covid-19-Zeiten noch einmal verschärft wurde. Deshalb durften wir uns leider auch nicht direkt vor Ort ein Bild machen. Die Direktion erlaubt seit März keine Besucher auf dem Areal.  

„Erst wenn das Gerüst abgebaut ist, enthüllt sich auch für mich das Kunstwerk. Vorher weiß ich selbst nicht genau, wie das Resultat aussieht“, fährt Alain Welter fort. Für ihn selbst sei dieses Projekt ein total neues Experiment. Inzwischen ist er beim dritten Kühlturm angelangt. „Ich weiß jetzt, wie ich am besten an die Sache rangehe und wie ich mich den Gegebenheiten anpasse. Den Flow habe ich jetzt raus“, meint er zufrieden. Dass er so schnell weiterkommt, hat er auch fünf Assistenten zu verdanken. „Es ist das erste Mal, dass ich mit einem ganzen Team arbeite und sozusagen Projektleiter bin. Ich zeichne alles vor, und meine Assistenten sind dann für die Grundierung zuständig, füllen die großen Flächen mit Farbe oder der Spraydose aus. Die Details und die ganzen Schattierungen mache ich dann wieder. Das klappt ganz gut“, freut er sich.

Auf den Türmen verewigt der Künstler die Geschichte der Minett-Region. Die typischen Reihenhäuser sind ein wichtiges Schlüsselelement - Lëtzebuerger Journal
Auf den Türmen verewigt der Künstler die Geschichte der Minett-Region. Die typischen Reihenhäuser sind ein wichtiges Schlüsselelement

Bisher 100 Spraydosen

30 Liter weiße Farbe sind inzwischen alleine für die Grundierung draufgegangen. Rund 100 Spraydosen wurden geleert. Anfang September sollen alle fünf Hadir-Türme in neuer Farbpracht erstrahlen. „Ich liege gut im Zeitplan, komme sogar besser voran, als ich angenommen hatte. Zwei Wochen nehme ich mir pro Turm“, berichtet der Graffiti-Künstler. Zwischen acht und zehn Stunden verbringt er pro Tag auf dem Baugerüst. Einen freien Tag gönnt er sich jede Woche.

Wird dieses gewaltige Projekt seiner Meinung nach noch einmal zu toppen sein? „Man weiß nie, was noch kommen kann, ich stehe ja noch am Anfang meiner Karriere“, antwortet er und lacht, „ich bin immer offen für neue interessante Projekte“. Gesprayt hat Alain Welter übrigens immer schon. „Damit habe ich in Hollerich im Skatepark angefangen. Danach bin ich nach Berlin gegangen, um Illustration zu studieren. Für meine  Bachelorarbeit ,Make Koler Kooler‘ habe ich dann an sich mein Studium mit meinem Hobby verbunden. Dieses Projekt hat dann zu weiteren geführt. Die Urban-Art-Szene ist tatsächlich hier in Luxemburg ultra am Blühen. Es war der perfekte Zeitpunkt, um zurückzukehren und da mitzuwirken“, unterstreicht er.

An Stellenwert gewonnen

Urban Art, Street-Art, Graffiti oder Mural Art, wie auch immer die richtige Bezeichnung lautet, die Kunstrichtung hat zweifelsohne an Stellenwert gewonnen, was sich nicht zuletzt in den vielen Aufträgen von Gemeinden oder Unternehmen widerspiegelt. Wie frei ist man denn als Urban-Art-Künstler, wenn man Auftragsarbeiten annimmt? Ist die ursprüngliche Bedeutung der Graffiti-Kunst verloren gegangen? Der Protest, das Verbotene, die Gesellschaftskritik… „Da muss man Unterschiede machen. Ich bewege mich zwischen Graffiti, Urban Art und Mural Art. Wenn ich in Hollerich für mich selbst spraye, sind meine Sachen definitiv politischer oder gesellschaftskritischer. Bei Aufträgen für Gemeinden oder andere Kunden gibt es natürlich Vorgaben. Ich versuche immer ein Gleichgewicht zwischen eigenen Sachen und Auftragsprojekten zu finden. Man muss ja doch zusehen, dass Geld reinkommt“, lacht er. Würde er denn etwas machen, mit dem er sich überhaupt nicht identifizieren kann? „Wenn man nicht finanziell darauf angewiesen ist, versucht man solche Projekte natürlich zu vermeiden. Das sind so ethische Fragen, die man sich durchaus stellt. Graffiti ist ja an sich etwas Kritischeres, klar muss man sich überlegen, ob man dahintersteht oder nicht“, antwortet der Künstler.