ETTELBRÜCK
SVEN WOHL

„AMOUR FOU“ produziert seit 1995 Filme und weiß, wie schnelllebig die Industrie ist

Luxemburgs Filmszene wächst und kann sich über internationale Erfolge freuen. Während längst nicht jeder die nationalen Filmproduzenten kennt, ist die Zahl jener, die wissen, dass ein solcher in der „Nordstad“ zu finden ist, noch überschaubarer. Wir führten ein Gespräch mit der Regisseurin und Produzentin Bady Minck und dem Produzenten Alexander Dumreicher-Ivanceanu von „AMOUR FOU“ über Ettelbrück, Wien und die Digitalisierung des Filmes.

Wie kommt es, dass das Filmstudio „AMOUR FOU“ einen Standort in Ettelbrück und einen in Wien hat?

Bady Minck Anfangs wollten wir einfach nur mit unserer Firma in Luxemburg meine eigenen Filme produzieren. Ich hatte 1995 gerade einen ersten Film mit einer Finanzierung aus Luxemburg geplant. Da habe ich es mit Samsa probiert, und das hat ganz gut geklappt. Doch ich habe auch gleich gemerkt, dass es gut wäre, für die nächsten Filme ein eigenes Produktionsunternehmen zu haben. Da haben wir dann schnell in Ettelbrück eine Firma gegründet - damals noch als „Minotaurus Film“. Nach einigen Jahren stellten wir fest, dass es gut läuft und wir auch eine Produktionsfirma in Wien gründen könnten, beide dann mit dem Namen „AMOUR FOU“.

Die Filme, die wir in den beiden Ländern produzieren, sind schon etwas verschieden voneinander. Das wird bereits durch die Förder- und Sprachenlandschaft beeinflusst. In Österreich liegt es näher, deutschsprachige Filme zu drehen. Da genießen wir in Luxemburg eine größere Freiheit. Darüber hinaus hat der „Film Fund Luxembourg“ von Anfang an auf Professionalität gesetzt und die Branche dabei unterstützt, langfristig Strukturen aufzubauen, die die Kreativität und Kontinuität stärken .

Alexander Dumreicher-Ivanceanu Unser Vorteil ist, dass wir sowohl in Luxemburg als auch in Österreich ein gutes Team haben. So entwickeln und produzieren wir in beiden Ländern Projekte und kümmern uns ebenfalls um den Vertrieb. Die beiden Standorte sind gleichwertig. Spannend ist dabei, dass Österreich stark im deutschsprachigen Autorenkino ist und weniger bei Koproduktionen. Im Großherzogtum realisieren wir luxemburgische Produktionen und internationale Koproduktionen.

Luxemburg ist von der Struktur und der Vielsprachigkeit her einfach ein Land, das offen für Koproduktionen ist. Wir koproduzieren auch zwischen „AMOUR FOU Luxembourg“ und „AMOUR FOU Vienna“. Da hat sich in fast 20 Jahren eine gewisse Expertise entwickelt.

Minck Was wir wo produzieren, hängt auch vom Inhalt des Filmes ab. Wenn die Handlung am Meer spielt, wird es schwierig, den Film hier zu drehen. Denn die Unterstützungsgelder, die wir erhalten, müssen wir in Luxemburg investieren. Und Luxemburg ist sehr wandelbar: Die Hauptstadt hat in manchen Filmen schon New York, Toronto oder gar Tokio dargestellt...

Wie sieht der heimische Erfolg dieser Filme aus?

Minck Wir bemühen uns sehr, dass die Menschen hier in die Kinos gehen. Nicht jedes Thema eignet sich jedoch für den heimischen Markt. Eine Problematik stellt oft die Sprache dar. Wenn man einen Film auf Luxemburgisch dreht, hat man sehr gute Erfolgsaussichten im Großherzogtum. Wir sehen auch, dass das Publikum sich mit dem Sprachenmix verändert.

Andererseits verkaufen luxemburgische Filmproduktionsfirmen gut im Ausland. Rund jeder dritte Film, der in Luxemburg produziert wird, wird in mindestens zehn Länder weiterverkauft. So konnten wir etwa „Hannah Arendt“ und „Egon Schiele“ in mehr als 40 Länder verkaufen, da entsteht eine weltweite Visibilität, die uns sehr freut und natürlich auch stärkt.

Wie hat sich die Szene in Europa seit 1995 entwickelt?

Dumreicher-Ivanceanu Die Digitalisierung hat alles verändert. Die ersten Filme von Bady wurden noch auf 35 mm Filmmaterial gedreht. Da wurde noch auf Film geschnitten - das war eine andere Arbeit, die sehr fokussiert verlief. Mit dem Digitalen kam mehr gestalterische Freiheit, und vieles ist einfacher geworden. Aber nur, weil mittlerweile alles möglich ist, heißt das noch lange nicht, dass alles gut ist. Neben der Produktion hat sich auch der Vertrieb verändert.

In derselben Zeit hat sich auch Europa verändert. 1995 war Österreich gerade einmal der Europäischen Union beigetreten. Wenn wir von Österreich nach Luxemburg gefahren sind, wurden wir noch kontrolliert. Bei all dem Material hat das sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Die offenen Grenzen haben gerade im Film und in der Kultur viel zum Positiven verändert.

Minck Gerade weil das Filmemachen leichter zugänglich geworden ist, werden mehr Filme als je zuvor auf der ganzen Welt gedreht. Der Nachteil: Der Markt wird überschwemmt und die Festivals sind wie Pilze aus dem Boden geschossen. Die Auswahl wird dafür umso strenger getroffen. Es wird immer schwieriger, auf den ganz großen Festivals seinen Film zeigen zu können.

Wo wir bei Cannes sind: Wie bewerten sie die Entscheidung des Festivals, Filme von Netflix nicht mehr zu akzeptieren?

Minck Es ist sehr gut, dass Cannes das tut. Dass Cannes das Rückgrat hat, dies zu tun, hilft uns und der ganzen Filmwelt enorm. Ansonsten könnten unsere Kinos zumachen. Denn die großen Festivals machen dann auch gleichzeitig Werbung für Netflix, wenn sie deren Filme annehmen. Der europäische Kinomarkt könnte in der Folge zusammenbrechen und wir würden zusätzlich durch amerikanische Produktionen überschwemmt werden.

Für die Regisseure ist es das Ende, wenn man einige Filme mit Netflix gemacht hat. Deren Ruf beruht auf dem Zeigen der Filme auf Festivals. Netflix erlaubt einem aber kaum bis gar keine Festivals. Damit versetzt der Anbieter der Branche den Todesstoß.

Es gibt sicher auch Vorteile. Für Deutschland ist es teilweise gut, weil dort die Fernsehstationen über den Kinofilm herrschen. Die haben Angst, anzuecken. Netflix setzt da auf höhere Qualität und zeigt auch mehr Mut.

Wie läuft 2019 für „Amour Fou“?

Dumreicher-Ivanceanu Wir hatten ein starkes Festivaljahr und haben noch mehrere Projekte in der Pipeline. In diesem Jahr laufen noch mehrere Projekte bei „Amour Fou“: „Invisible Sue“, ein Kinofilm für die ganze Familie von Markus Dietrich (ab 31. 10. in Luxemburg im Kino), Hinterland“, ein Thriller von Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky mit Muratan Muslu und Marc Limpach, der ab Herbst in den Filmland Studios in Kehlen gedreht wird und „War and Remembrance“, ein Dokumentarfilm mit Zeugen des Zweiten Weltkrieges in Luxemburg. Der Film wird unterstützt durch den „Film Fund Luxembourg“, „Uni.lu“ und der „Oeuvre Nationale Grand-Duchesse Charlotte“.

Außerdem wäre da noch „Die Liebhaberinnen“, eine Adaptierung des gleichnamigen Werks der Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek durch die Luxemburger Regisseurin Koxi.