PATRICK WELTER

Gestern gab es zwei Meldungen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun hatten. Die Schlagzeilen beherrschte wieder einmal Cornelius Gurlitt der im Alter von 81 Jahren an den Folgen einer Herzoperation starb. Versteckt fand sich ein Bericht darüber, dass der Krak des Chevaliers, Weltkulturerbe seit 2006, von den Truppen Assads zusammengeschossen wurde.

Gurlitts Name stand in den letzten anderthalb Jahren für Raubkunst der Nazis. Mittlerweile haben Untersuchungen ergeben, dass dies nicht für die ganze Sammlung von 1.200 Bildern gilt. Was ist Raubkunst? Bilder, die Görings Kunsträubertruppe aus dem Jeu des Paumes oder einem Sammlerhaushalt mitgehen ließen sind eindeutig Raubkunst - der Rechtsanspruch der Beraubten ist eine klare Sache. Beschlagnahmte Bilder einer deportierten jüdischen Familie fallen auch nicht in die Rubrik rechtmäßig. Schwierig wird es bei Bildern à la Gurlitt. Ist ein unter dem Druck der Emigration verschleuderter Picasso oder Marc vom Galleristen Gurlitt sen., unter normalen Vertragsbedingungen verkauft worden?

Raubkunst ist übrigens keine Idee der Nazis gewesen. Der Kölner Dom ist rund 600 Jahre lang um so eine Art Raubkunst herum gebaut worden. Es war Rainald von Dassel, Kanzler Kaiser Barbarossas, der 1162 die angeblichen Gebeine der „Heiligen Drei Könige“ aus dem zerstörten Mailand mitgehen ließ, damit er in Köln den Geschäftsbereich „Pilgerreisen“ ankurbeln konnte. Napoleon I gefiel die Quadriga auf dem Brandenburger Tor so gut, dass er sie gleich mit nach Paris nahm.

Die Schätze, die die Rote Armee aus den Berliner Museen mit nach Moskau nahm, so der von Schliemann gefundene „Schatz des Priamos“ - gerechtfertigte Reparation oder reziproker Kunstraub? Aus dem berühmten Bernsteinzimmer tauchte ein einziges Intarsien-Bild wieder auf. Dank eines doppelten Diebstahls: Ein deutscher Soldat hatte das Bild aus dem Transport des von der Wehrmacht gestohlenen Bernsteinzimmers geklaut. Der Rest des Zimmers ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit bei einem britischen Bombenangriff im Keller des Königsberger Schlosses verbrannt.

Kunst, die sich verkaufen lässt, hat in den Zeiten des Kriegs „Überlebenschancen“. Architekturdenkmäler, profan oder sakral, stehen schlechter da. Sicherlich hing auch am Haupttor des Krak des Chevaliers, der Kreuzfahrerburg überhaupt, das Schild mit der blauweißen Raute „besonders geschütztes Kulturdenkmal“.

Die zerstörte Altstadt von Rotterdam, das gesprengte Warschauer Schloss, die Kathedrale von Coventry, aber auch die abgefackelte Dresdner Innenstadt, die zerbombte Würzburger Residenz, nicht zu vergessen Montecassino. Vor der eigenen Haustür: Die aus obskuren Gründen gesprengte Echternacher Basilika - vieles wieder aufgebaut, vieles verschwunden..

Es war 1945 nicht vorbei: Kirchen, Klöster und Moscheen brannten in den jugoslawischen Bürgerkriegen, die Buddha-Statuen von Bamiyan und jetzt Städte wie Aleppo oder der Krak.

Schätze der Menschheit interessieren im Krieg niemanden.