PATRICK WELTER

Wo 2005 SPD-Chef Müntefering direkt nach dem SPD-Debakel in Nordrhein-Westfalen vor die Kameras trat und Neuwahlen ankündigte, ließ sich die schaumgebremste deutsche Kanzlerin bis gestern Zeit, um sich nach der Hessen-Wahl vom Parteiamt zu verabschieden. Den Job der Regierungschefin will sie noch bis 2021 machen - Betonung liegt auf „will“. Ob sie es kann, steht auf einem anderen Blatt. Merkel will bis 2021 bleiben, aber ob das gelingen wird ist die Frage, die sich auf dem CDU-Parteitag im Dezember entscheiden wird.

Es ist nämlich alles andere als klar, dass der Vorsitz der CDU an Annegret Kramp-Karrenbauer, kurz AKK, fallen wird. AKK wäre im Großen und Ganzen Merkel 2.0, nur ein Stück katholischer und gesellschaftspolitisch konservativer. Einen Pluspunkt hat AKK gegenüber der Frau aus der Uckermark - sie weiß um die Bedeutung von Europa vor Ort, jenseits purer Zahlen und Brüsseler Gipfel. AKK ist Europäerin. Sie ist nahbar und fällt in guten Momenten auch mal ins breiteste Saarländisch. Wird das reichen?

Da Rache bekanntermaßen eine Speise ist, die kalt genossen werden will, sieht Friedrich Merz, ehemaliger Fraktionsvorsitzender der CDU, seine Stunde gekommen. Von Merkel vor gut einem Jahrzehnt aus der großen Politik gedrängt, sieht er seine Chance auf ein Comeback. Seit gestern kandidiert er offiziell. Merz ist keineswegs ein einsamer verbitterter „has been“, der es nochmal wissen will. Hinter dem bekennenden Konservativen und Wirtschaftsliberalen stehen auf jeden Fall EU-Kommissar Oettinger und andere aus dem konservativen Flügel. Nicht zu vergessen die lange Reihe der von Merkel politisch „gekillten“ Männer. Sollte sich Merz wirklich auf dem Parteitag durchsetzen, wäre dies für die Partei eine Rolle rückwärts: Schluss mit dem Herz-Jesu-Sozialismus, konsequente Wirtschaftsförderung, kein Klimagejammer und kein gesellschaftspolitischer Schmusekurs. Ein Fest für die Mitglieder, die ihre Partei unter Merkel nicht wiedererkannt haben.

Mit einem Parteivorsitzenden Merz wären die Tage Merkels als Kanzlerin gezählt, sehr wenige Tage. Oder sie macht es gleich wie Bernhard Vogel, der 1988 noch auf dem Parteitag mit einem donnernden „Gott schütze Rheinland-Pfalz“ als Mainzer Ministerpräsident zurücktrat, weil ihm die Partei einen ungeliebten Landesvorsitzenden servierte.

Gesundheitsminister Jens Spahn, jung, schwul, konservativ, scharrt mit den Hufen auf dem Weg nach oben wie ein junger Markus Söder, oder das Wiener „Wunderwutzi“ Kurz. Aus seinen Ambitionen hat der Merkel-Kritiker keinen Hehl gemacht, die Kanzlerin hat versucht ihn, mit einem besonders schwierigen (Gesundheits-) Ministeramt einzubinden. Spahns Konservatismus ist moderner geprägt als der von Merz, allein schon aus biografischen Gründen. Auch mit ihm würde Merkel noch vor 2021 gehen.

Die Teilzeitfaschisten der AfD kämen durch Merz oder Spahn unter Druck, die Zeit der zweistelligen Ergebnisse wäre vorbei, wenn konservative Spießbürger in der CDU wieder eine Heimat fänden.

Nur müssen sich Spahn und Merz einig darüber
werden, wer von beiden antritt, denn ein gespaltenes konservatives Lager würde AKK den Durchmarsch in der CDU ermöglichen.