BARTRINGEN
DANIEL OLY

Die Ausbilder der Gesundheitsberufe schlagen Alarm

Die die „Association Luxembourgeoise des Enseignants Pour Professions de Santé“ (ALEPS) bescheinigte gestern dem gesamten Sektor der Pflegeausbildung einen Zustand, der nah vor dem Kollaps stehe. „Wir stellen gleich eine ganze Reihe an Problemen fest“, meinte ALEPS-Präsident Gilles Evrard deshalb; einerseits steige die Zahl der benötigten Pfleger kontinuierlich, während immer weniger Luxemburger eine Zulassung bekämen. Auch sei die gesamte Ausbildung als BTS statt vollwertigem Bachelor-Titel zu geringschätzig eingestuft. Außerdem hapere es im Gesundheitslyzeum LTPS an Personal und Infrastruktur. Deshalb resümierte er: „Im Moment geht wirklich nichts mehr.“

Besonders kritisch sei die Situation im Lyzeum LTPS. „Hier stieg die Zahlen der Schüler und Studenten in sechs Jahren um 32 Prozent, aber der Lehrerkader blieb in derselben Zeit identisch bei 90 Vollbeschäftigten“, erklärt er. „Das ist kein neues Problem, darauf weisen wir seit zehn Jahren hin.“ Gebracht habe das Klagen über den chronischen Personalmangel bislang wenig. Und auch an anderem Fachpersonal wie einer eigenen Informatikabteilung oder einem weiteren Psychologen mangele es weiterhin. Das mache es dementsprechend auch schwierig, das nötige Qualitätsniveau zu halten: Manche Klassen oder innovative Projekte konnten nicht angeboten werden. Auch die verfügbare Infrastruktur für das LTPS sei nicht modern; stattdessen warte man seit nunmehr 15 Jahren auf einen Neubau, erste Pläne habe es sogar bereits 2000 gegeben. Dass der zuständige Minister Bausch auf einen möglichen Termin für 2022 verwies, sei „skandalös“. Der Hintergrund: Im für die Schule vorgesehenen „Centre de logopédie“ werden derzeit - unter ebenfalls eher suboptimalen Bedingungen - Flüchtende untergebracht, deren Umquartierung bislang noch nicht vollständig beschlossen wurde. Derweil habe der Staatsrat bereits im Mai 2017 auf die Dringlichkeit des Projektes hingewiesen. „Diese Dringlichkeit scheint nicht angekommen zu sein“, unterstrich Evrard.

Attraktivitätssteigerung für Beruf und Ausbildung

Schlechte Infrastruktur, Personalmangel - der Schuh drückt, und wenn Lehrpersonal plötzlich unerwartet ausfalle, könnten ganze Spezialisierungen nicht mehr angeboten werden. „Eine Notlösung wäre ein ,Numerus Clausus‘ um die Zahl von neuen Kandidaten im Rahmen zu halten“, meinte Evrard „Letztendlich wäre das aber eine Kapitulation und eine kontraproduktive Lösung, weil künftig immer mehr pflegebedürftige Menschen gut ausgebildete Hilfe brauchen.“ Generell brauche Luxemburg in Zukunft immer mehr Pfleger. Schon heute stellen luxemburgische Staatsbürger hier einen Anteil von 34 Prozent, bei den Neuzulassungen sind es lediglich zehn Prozent. „Es fehlt einfach am Nachwuchs“, meinte Evrard. Es reiche deshalb auch nicht, immer nur weiter Pfleger aus dem Ausland anzunehmen und davon auszugehen, dass die Situation in Ordnung ist. „Irgendwann ist auch die Grenzregion leergefischt, auch in Deutschland, Belgien oder Frankreich gibt es einen akuten Mangel im Gesundheitssektor“, erklärt er.

Deshalb fordert die ALEPS mehr Attraktivität und mehr Publicity für die Ausbildung: „Das fängt mit dem Diplom an“, betont er. „Ein BTS ist kein Bachelordiplom und gibt den Auszubildenden hierzulande weniger Chancen und größere Hürden für die berufliche Zukunft“, was gerade angesichts der Tatsache, dass alle Nachbarländer den Bachelorstudiengang in der Pflege eingeführt hätten, nur noch schwerer wiege. Zukunftssicher sei das nicht; „Wir kriegen vier neue Magnetresonanztomographen (IRM), wer soll diese Geräte künftig bedienen?“, meinte Evrard. „Wir kommen dem Bedarf nach dem jetzigen Stand einfach nicht hinterher.“ Das liege auch an der Attraktivität des Sektors im Allgemeinen. „Der Gesundheitsberuf muss wieder aufgewertet und besser wertgeschätzt werden“, betonte er. Das Image könnte ebenfalls über die Aufwertung der Ausbildung durch eine Anerkennung als Bachelor-Diplom geschehen. Prinzipiell müsse aber der Beruf der Kranken- und Gesundheitspflege stärker wertgeschätzt werden. In dieser Hinsicht habe die Gesellschaft der Krankenpfleger ANIL bereits wichtige Schritte geleistet. „Aber das reicht nicht; da muss ein Umdenken in der Gesellschaft kommen“, betonte der ALEPS-Präsident.

Die Frage müsse daher sein, welchen Stellenwert die Pflege bei den Ministern habe. Die ALEPS hat eine einfache Antwort: „Es muss zum prioritären Thema werden!“ Die ALEPS fordert deshalb die drei für sie zuständigen Ministerien (das Bildungsministerium, das Hochschulministerium und das Gesundheitsministerium) dazu auf, sich endlich zu ihrer Verantwortung zu bekennen und eine gemeinsame Lösung zu finden.Nach den Äußerungen der ALEPS erklärte Bildungsminister Claude Meisch gestern, dass sein Ministerium seit geraumer Zeit mit der Direktion des LTPS an Lösungsvorschlägen gearbeitet habe und diese in den kommenden Wochen umgesetzt würden. Die bislang geplanten Maßnahmen richten sich direkt an die Attraktivität des Lehrberufs, etwa in Lockerungen bei den Sprachanforderungen oder mehr Flexibilität im Gehalt. Insgesamt soll das LTPS für Lehrende attraktiver werden - einer der Kritikpunkte der ALEPS. So sei zu erwarten, dass acht bis zwölf neue Lehrende hinzukommen könnten. Auch das Infrastrukturproblem sei kurz davor, gelöst zu werden: Statt dem alten „Centre de Logopédie“ rücke nun das Gebäude der Finanzaufsicht CSSF in den Fokus. Über diese Reaktion des Ministers freue sich die ALEPS; an der Entscheidung, den Bachelor dennoch weiterhin nicht als attraktive Option zu sehen, zweifle man aber sehr, meinte Evrard jedoch gestern per Telefon. Auch das Gebäude der CSSF sei weiterhin nur eine Übergangslösung, ein gemeinsames Gebäude fehle damit auch weiterhin.