PATRICK WELTER

Die Amerikaner nennen einen scheidenden Präsidenten, der zwischen dem ersten Dienstag im November, dem Wahltag, und dem 20. Januar, der Amtseinführung seines Nachfolgers, nicht anderes tut als den Stuhl im „oval office“ warmzuhalten, eine „lahme Ente“. Zehn Wochen des Stillstands, wo politisch praktisch nichts passiert.

Die EU ist da großzügiger. Der größte Wirtschaftsraum der Welt gönnt sich für den Übergang vom Kommissionspräsidenten zur -präsidentin mehr als 15 Wochen Zeit. Zeit, die Europa nicht hat. Auch wenn es ein nationales Heiligtum ist, muss die Frage erlaubt sein: Warum amtiert der gute Jean-Claude Juncker noch bis zum 1. November als Kommissionschef in Brüssel? Angesichts von 15 Wochen Übergangszeit als „lahmer Ganter“?

Die neue EU-Kommission unter Ursula „Röschen“ von der Leyen tritt am 1. November ihren Dienst an. Faktisch zum gleichen Zeitpunkt, am 31. Oktober 24.00 flieht das Vereinigte Königsreich aus der Europäischen Knechtschaft. Glaubt man Boris Johnson ganz nach dem Motto der Bremer Stadtmusikanten „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall!“ Für die einen mag es ein klarer Schnitt sein, wenn beide Ereignisse zusammenfallen. Barnier, Tusk und Juncker sollen zu Ende bringen, was sie angefangen haben. Auch wenn deren Unnachgiebigkeit gegenüber dem Londoner Tollhaus richtig ist, erscheint es merkwürdig, dass von der Leyen und Charles Michel, als neuer Ratspräsident, in den Wochen vor einem krachenden Brexit nur aus der Kulisse agieren können.

Dabei ist der akademische Clown aus London nicht das einzige Problem Europas. Selbst wenn man den britischen Weg ins virtuelle Empire mal ausklammert, bleiben noch genügend Baustellen, wo kräftig Sand geschippt werden muss. Vom extrem merkwürdigen Rechtsverständnis der Kaczinsky-Regierung in Polen, die glaubt, das Abendland gegen böse Juristen zu verteidigen, bis zu Italiens starkem Mann Matteo Salvini, der sich als Kämpfer gegen Gutmenschen-Korsaren sieht, die sein Land den Sarrazenen ausliefern wollen. In einem Punkt ist der Polterer Salvini sogar zu verstehen: Zulange haben sich die meisten EU-Staaten auf Kosten von Malta, Griechenland und Italien aus der Immigrantenfrage herausgehalten. Die Polen an erster Stelle. Hätten andere EU-Länder so reagiert wie Deutschland und Luxemburg, hätte Salvini keine Bühne, um seine Spielchen zu spielen. Juncker und Tusk ist es nicht gelungen, eine Koalition der Aufnahmewilligen auf die Füße zu stellen, oder einen anderen Weg, einen harten, in Libyen zu beschreiten. Außenpolitik bedeutet, auch mal mit Leuten zu reden, denen man nicht im Dunkeln begegnen will. Wenn die Regierung in Tripolis nur noch die Hauptstadt beherrscht, ist es angebracht, ein paar Worte mit dem siegreichen Warlord zu wechseln - „Röschen“ traut sich das vielleicht.

Außerdem hat die EU noch einen Haufen anderer Probleme: Hausintern die Visegrad-Truppe zügeln, die Bewahrung des Schengenraums und Förderung der Wirtschaft, dem irrlichternden Oberzöllner aus den USA und dem expansionistischen Neo-Zaren in Moskau ihre Grenzen zeigen. Und, nicht zu vergessen, die religiöse Erleuchteten in Teheran zu mäßigen.

Es ist an der Zeit, damit anzufangen!