PATRICK WELTER

Man schaut über die Mosel hinüber und ist erstaunt über das Nebeneinander von Ratlosigkeit und knallharter Ideologie.

Da ist die alte SPD, die sich um die Weimarer Republik verdient gemacht hat, die mit Willy Brandt und Helmut Schmidt zwei herausragende Bundeskanzler stellte. Die neue SPD ist völlig rat- und orientierungslos. Der letzte SPD-Kanzler, Gerhard Schröder, hat das Land mit Härte auf wirtschaftlich solide Füße gestellt - wofür sich die „neue“ SPD geradezu schämt. Die Frage der „neuen“ SPD lautet im Kern: Wem rennen wir hinterher? Den Sozialromantikern und DDR-Nostalgikern der „Linken“ oder den Grünen? Die SPD hat seit dem Ende der Ära Brandt so viel Vorsitzende verschlissen, wie alle anderen Parteien zusammen. Nach dem Abgang von „Andrea aus der Eifel“ sucht sie seit Monaten, quasi per Zeitungsanzeige, einen oder eine Vorsitzende. Es mögen durchaus honorige Kandidaten sein, die sich da aus der dritten oder vierten Reihe melden. Fast niemand kennt sie. Am bekanntesten ist noch der fliegentragende Gesundheitsexperte Lauterbach. Der sicherste Weg, auch noch den letzten Arbeiter als SPD-Wähler zu vergraulen, wäre das Gespann Gesine Schwan und Kevin Kühnert - verkopfter Radikalsozialismus ohne jede Bodenhaftung. Die Interimsparteiführung der SPD, die Ministerpräsidentinnen Dreyer und Schwesig sowie der ewige hessische Oppositionsführer Schäfer-Gümbel, lässt die Sache laufen. Nach dem Motto: „Es wird sich schon jemand finden, der die SPD über der Fünfprozenthürde hält.“

Die SPD steht nicht alleine. Die CDU weiß auch nicht, was sie will, Annegret Kramp-Karrenbauer hat noch keinen Ausweg aus dem Mehltau gefunden, den Angela M. hinterlassen hat. Alle Fragen offen: Wirtschaftsorientierung à la Merz? Anschleimen an die Grünen à la Söder? Weiter mit AfD-ähnlichen Tönen wie Horst Seehofer und Joachim Herrmann? Oder gleich AfD-nah wie die (Un)Werte-Union? Das Dilemma der CDU: Jede Belastung, die mit Klimaschutz begründet wird, treibt der AfD im Osten Stimmen zu. Aber ohne Klimaaktionismus hat sie keine Chance bei westdeutschen Großstädtern. Also setzt auch AKK aufs Nichtstun.

Die tiefgebräunte AfD hat neben der bösen Merkel und dem latenten Ausländerhass ein neues Thema entdeckt: die „Lüge vom Klimawandel.“ Der AfD-Wähler fühlt sich wiedermal seines Lebensstandards beraubt…

Im Westen machen die Grünen mit „Klimakrise“ und „Klimakatastrophe“ ein gutes politisches Geschäft - der Weltuntergang als Verkaufsargument. Auch bei den Grünen gibt es zwei Strömungen: Hier verbotsbesoffene grün-lackierte Sozialisten wie Jürgen Trittin, dort grün-pragmatische Politiker wie Winfried Kretschmann, die für eine klimatisch veränderte Welt auf technische Lösungen setzen.

Eigentlich wäre es jetzt das Beste für die FDP, ganz laut und deutlich die Freiheit des Einzelnen zu betonen - als Gegenpol zum Glauben an Verbote und Unsinn wie „Flugscham“. Immerhin, Christian Lindner vertraut bei Fragen des Klimawandels klar auf Innovation statt auf Verteufelung. Also eher „Fridays for technology“ als Greta-Mania. Kluge Argumente, aber sie helfen der FDP nicht über zehn Prozent der Stimmen hinaus. Die Partei ist einfach zu leise. Schade.