NIC. DICKEN

Eine medial wirksamere Bühne als Synonym für die Bedrohung des menschlichen Lebensraumes durch den Klimawandel als die Lagune von Venedig hätten sich die um die Zukunft des Planeten besorgten Klimaschützer selbst nicht auswählen können. Infolge mehrerer aufeinander folgender Flutwellen haben sich die Pegelstände innerhalb der idyllischen Lagune so drastisch erhöht, dass auf der Hauptinsel die wichtigsten Kulturstätten, die seit Jahren als Weltkulturerbe der UNESCO eingestuft sind, in ihrem Bestand von den Wassermassen bedroht sind. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang, dass eine Piazza San Marco, die einen guten halben Meter hoch überflutet ist, vor der Weltöffentlichkeit mehr Eindruck zu schinden scheint als in meterhohen Wassermassen ums nackte Überleben kämpfende Menschenmassen in irgendwelchen Drittländern.

Sei’s drum, die nach wie vor vorwiegend jugendlichen Befürworter einer ernsthafteren Eindämmung des Klimawandels nutzen gerne die sich bietende Gelegenheit, um auch die durch die Schädigung weltweit anerkannter Kulturgüter dokumentierte Bedrohung durch die klimatischen Veränderungen in ihr Argumentationsrepertoire aufzunehmen.

Dabei ist die Überschwemmung des Markusplatzes nicht etwa ein Phänomen der letzten Jahre, sondern steht regelmäßig in unterschiedlich sich wiederholenden Zeitabständen in den internationalen Schlagzeilen. Allerdings steht das derzeitige Hochwasser in der Lagune von Venedig symptomatisch für das – zumindest kurzfristige – Vermeiden von Naturkatastrophen durch den Einsatz moderner technischer Maßnahmen. Immerhin wird seit nunmehr 15 Jahren an einem flexiblen Dammsystem gearbeitet, mit dem das Eindringen von Flutwellen aus der Adria in die Lagune unterbunden werden soll.

Das Bauwerk, das ursprünglichen Schätzungen und Planungen zufolge schon 2014 hätte fertiggestellt werden sollen, weist nach wie vor Lücken auf, durch die das strikt den physikalischen Naturgesetzen gehorchende Hochwasser nach wie vor in die Lagune vordringen kann. Grund für die Verspätung beim Projektbau ist eine seit Jahren schwelende Korruptionsaffäre. Die wiederum beweist einen anderen, weltweit nach wie vorherrschenden Mangel: Dort wo viel Geld im Spiel ist, werden oft an erster Stelle die finanziellen Interessen bedient, bevor es um die Sache selbst geht.

Warum kommt uns diese Feststellung so banal vor? Ist ähnliches Verhalten nicht sehr oft der Fall, wo Schutz- und Hilfsmaßnahmen getroffen werden sollen und ihre Umsetzung durch dubiose Finanzierungsfragen und anderem Hemmnisse erschwert wird?

Andererseits – zusätzliches Argument für die Klimaschützer! – zeigt das MOSE-Deichprojekt vor der Lagune von Venedig, einem eher ruhigen Ausläufer der nördlichen Adria, wie schwer es sein wird, beispielsweise flach gelegene Inseln in den Weltmeeren vor einer Überflutung zu schützen, falls der Meeresspiegel tatsächlich in dem befürchteten Ausmaß ansteigen sollte. Über den Betrag der dafür erforderlichen Geldsummen wagt man nicht einmal mehr ernsthaft zu spekulieren.