LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Die Anspannung wächst

Wie geht es der Landwirtschaft oder besser gesagt den Landwirten mitten in der Corona-Krise? Insbesondere wenn man berücksichtigt, dass es sich in Luxemburg in der Regel um bäuerliche Familienbetriebe handelt. Einerseits können sie unter Beachtung von ein paar Regeln arbeiten, andererseits stellt sich die Frage, ob der Markt ihre Produkte im Augenblick auch aufnimmt. Schon vor einigen Tagen haben wir in Gesprächen festgestellt, dass die heimischen Gemüsegärtner keine Sorgen haben – die Luxemburger haben entdeckt, dass es heimisches Obst und Gemüse gibt. Dagegen sind die Winzer unter Druck, da ihnen wichtige Kunden wie die Grenzgänger oder die Gastronomie fehlen, wenn es ganz schlecht läuft fehlen ihnen demnächst noch die (Saison-) Arbeitskräfte. Aber wie geht es den „normalen“ Bauern?

Spezialitäten für Niemanden - Auch bei der Bauernzentrale sieht man Probleme

„Die Einschränkungen werden jetzt spürbar“, meint Josiane Willems, die Direktorin der „Centrale Paysanne“, einleitend. Auch sie nennt Umsatzeinbrüche bei Milch, Fleisch und Wein. Die Einbrüche könnten nicht durch den privaten Konsum aufgefangen werden. Hinzu komme, dass die Entwicklungen auf dem europäischen Markt unklar sind und der Export nach China noch nicht wieder angelaufen ist. Die Preise für Fleisch seien völlig eingebrochen, ein Kalb gebe es schon für 50 Euro.

Die Nachfrage auf dem Getreidemarkt ist noch in Ordnung und es gibt auch keinen Preisdruck, denn derzeit wird noch mit Lagerbeständen gearbeitet. Man müsse abwarten, wie die Situation zu Erntebeginn im Juni aussehen wird. Der Bedarf an Futtermitteln sinkt bereits. Alles hänge davon ab, wann die Normalisierung kommt, meint Willems.

Dramatisch sei die Lage für einige Landwirte mit Spezialkulturen, wie Spargel- und Kartoffelbauern, die hauptsächlich für die Gastronomie produzieren – deren Absatz sei mangels Nachfrage völlig eingebrochen.

Die Lage ändert sich jeden Tag - Die Landwirtschaftskammer versucht die Entwicklung in den verschiedenen Bereichen im Blick zu behalten

Unsere Eingangsfrage an Vincent Glaesener, den Direktor der Landwirtschaftskammer, wie es der Landwirtschaft geht, beantwortet er zunächst mit der Feststellung, dass das eine kurze, aber komplexe Frage sei. Jedem Sektor der Landwirtschaft gehe es anders und die Lage ändere sich quasi täglich.

Die größten Probleme haben im Moment die Milchbauern. Einem natürlichen Rhythmus entsprechend geben die Kühe, die aus der winterlichen Stallhaltung auf die Frühlingsweiden umgezogen sind, besonders viel Milch. Dem steht ein Einbruch bei der Nachfrage gegenüber. Von den drei Großmolkereien die von luxemburgischen Bauern beliefert werden, hat eine, als Teil eines französischen Konzerns, ihren Lieferanten schon mitgeteilt, dass sie ihren Abnahmeverpflichtungen nicht nachkommen kann. Nur haben Kühe keinen „Aus“-Schalter! Die Milchmenge können die Bauern nur durch eine verringerte Fütterung der Kühe etwas absenken und das auch nicht kurzfristig.

Auch die Nachfrage nach Rindfleisch ist laut Landwirtschaftskammer eingebrochen, ebenso wie der Kälber-Markt.

Auf dem Getreidemarkt herrscht derzeit noch Ruhe, da die neue Ernte erst ab Juni eingebracht wird. Große internationale Lieferanten von Weizen, wie Russland und die Ukraine haben angekündigt die Grenzen für den Export zu schließen, um die eigene Lebensmittelversorgung zu sichern. Das könnte sich positiv auf die hiesigen Getreidepreise auswirken, erklärte Glaesener.

Die Lage bei der Einreise von Saisonarbeitern ändert sich quasi täglich, ob sie nun Grenzen passieren dürfen oder nicht. Die Landwirtschafskammer hat aber schon Gespräche mit der polnischen Botschaft aufgenommen, wie man das Problem beheben kann. Erste positive Erfahrungen hat die Kammer mit der aktuell eingerichteten Plattform jobSwitch.lu gemacht. Für den Weinbau müsse bald eine Entscheidung fallen, dort werden die Saisonarbeiter ab Mitte Mai gebraucht. Der Weinbau – das „Journal“ berichtete – hat aktuell große Absatzschwierigkeiten.

Vincent Glaesener fürchtet, dass es nach dem Ende der Krise zu einer Überschwemmung des Marktes mit landwirtschaftlichen Produkten kommen kann, was dann Dumping-Preise nach sich ziehen würde.

Auf jeden Fall arbeiten die Landwirte auch in der Krise weiter, auch wenn nicht klar ist was kommen wird. „Es wird nicht rosig sein“ lautet die Einschätzung des Direktors der Landwirtschaftskammer.

Probleme beim Fleischabsatz - Convis: Was geht und was geht nicht in der Praxis – zwiespältige Situation beim Rindfleisch

Die Genossenschaft Convis kümmert sich um die Zucht von Milch- und Fleischkühen und die Viehvermarktung. Zu den Dienstleistungen, die Convis anbietet, gehören Besamung, Milchkontrolle und vielfältige Beratung, erklärt uns Convis-Direktor Christoph Peifer-Weihs am Telefon.

Die ersten beiden Dienstleistungen müssen vor Ort auf den Höfen stattfinden. Dabei sind die Besamungstechniker auf der sicheren Seite, da sie ihre Anweisungen schriftlich erhalten und bei der Arbeit an der Kuh einen ausreichend großen Abstand zum Bauern halten können.

Für die Milchkontrolleure sieht die Sache schon anders aus. In einem modernen Betrieb, wo das Melken von einem Roboter übernommen wird, kann die Probe aus dem Melkroboter entnommen werden – ohne in die Nähe des Landwirts zu kommen. Anders ist die Sache, wenn es sich um eine Milchkontrolle auf einem Hof handelt, der noch mit der klassischen Melkmaschine arbeitet. Dort wäre der zwischenmenschliche Abstand aus technischen Gründen nicht einzuhalten, also muss der Bauer die Probe selbst entnehmen und zur Mitnahme deponieren. Im Zweifel findet aber auch gar keine Milchkontrolle vor Ort statt – für Convis geht die Sicherheit der Mitarbeiter vor.

Die Beratungsarbeiten für Wasser- und Naturschutz werden auf digitalem Weg geleistet. Die Convis-Mitarbeiter wechseln sich im Wochenrhythmus mit Büroarbeit und Homeoffice ab, so das die Räume im Verwaltungsgebäude immer nur mit einer Person besetzt sind.

„Die Stimmung ist angespannt“

Was ist mit den Bauern, für die Convis arbeitet? Kurz gesagt ist deren Stimmung nicht die beste, wie uns der Direktor erklàrt. Neben den schon erwähnten Problemen beim Milchabsatz, wird bei Convis klar, dass es im Fleischsektor auch kräftig knirscht. In beiden Bereichen könnten die Bauern liefern, da sie ja normal arbeiten können. Aber sobald es in der Lieferkette, etwa für Milch, Schwierigkeiten durch Probleme in der Logistik gibt, sei es nur durch Corona-bedingten Ersatzteilmangel beim Verpackungshersteller, schlägt das bis zu den Milchbauern durch.

„Man kann keine halbe Kuh schlachten“

Der Ausfall von Gastronomie und Großküchen macht sich auf dem Rindfleischmarkt stark bemerkbar. Stark vereinfacht lässt sich im Moment nur die hintere – bessere - Hälfte eines Rinds einigermaßen vermarkten. Zwar fehlt auch dafür die Gastronomie als Abnehmer, doch wird diese Lücke durch Verkäufe über Metzgereien und Supermärkte an Privatkunden einigermaßen kompensiert.

Aus der vorderen Hälfte eines Rinds wird sogenanntes Verarbeitungsfleisch, das in normalen Zeiten an die Systemgastronomie wie McDonalds und an Großküchen geliefert wird. Die Nachfrage dafür ist völlig eingebrochen, laut Convis hängen die Kühlhäuser voll mit Vorderteilen und Bauch, da man „keine halbe Kuh schlachten kann“.

Die Stunde der kleinen Strukturen - Die biologische Landwirtschaft scheint sich gut zu schlagen

Ein Anruf bei Dany Noesen, Direktorin von Bio Lëtzebuerg, dem Verband der heimischen Biobauern, lässt zunächst aufhorchen „Bis jetzt habe ich noch nichts Nachteiliges gehört.“ Aber auch im Biobereich heißt das Sorgenkind Milchabsatz.

Für Noesen ist die Situation bei der Milch - egal ob konventionell oder bio - wo internationale Abnehmer abzuspringen scheinen, ein Plädoyer für inländische Strukturen, auch im kleinen Stil. Bei den schon existierenden Hofmolkereien werde die Arbeit nicht durch Grenz- oder Logistikprobleme behindert.

Auch bei Bio Lëtzebuerg wird die Arbeitsplatzplattform jobSwitch.lu gelobt, sie helfe den Betrieben wirklich weiter, weil sich Leute für die landwirtschaftliche Arbeit melden. In vielen Betrieben würden die Lücken an Arbeitskräften auch durch Familie und Freunde gefüllt.