LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Der primäre Sektor in der Corona-Krise

In der Volkswirtschaft wird die Landwirtschaft als „primärer Sektor“ bezeichnet. „Primär“ deshalb, weil seine Arbeit für uns vorrangig ist: Da das mit dem Kunstfleisch noch dauert und die Wenigsten von uns als Jäger und Sammler durch die Wälder streifen, sind es die Bauern, die uns alle ernähren. Egal ob der Landwirt konventionell oder ökologisch arbeitet, wir hängen von ihm ab. Was die Gesellschaft nicht daran hindert, in fröhlichem Schwarzweiß-Denken über die Landwirte herzuziehen – jeder aus seiner Perspektive. Für die einen sind die konventionellen Bauern personifizierte Brunnenvergifter und die Biobauern die Säulenheiligen der Umweltbewegung, für die anderen sind die konventionellen Bauern die Prügelknaben der Medien und die ökologisch wirtschaftenden Landwirte gehätschelte Lieblinge grüner Politiker. Natürlich stimmt nichts von alledem - industrielle Großagrarier mit Regenwald fressenden Palmöl- und Soja-Plantagen irgendwo in der Welt mal ausgenommen, das sind wirkliche Umweltschweine.

In der gegenwärtigen Krise wird mal wieder deutlich, dass der Bauer trotz seiner Bedeutung in der Hackordnung des Handels ganz unten steht. Wobei es dem Biobauern dank anderer Vertriebswege etwas besser geht als seinem konventionellen Kollegen.

Die Wichtigkeit des primären Sektors scheint man vergessen zu haben. Was zu sehr merkwürdigen bürokratischen Auswüchsen führt. Kaum zu glauben, aber Landwirte haben hierzulande kein Anrecht auf eine Corona-Direkthilfe, weil sie im Sinne des Gesetzes keine Gewerbetreibenden sind, da sie keine Handelsermächtigung oder Betriebserlaubnis des Mittelstandsministeriums vorweisen können. Genau darüber klärte uns der Direktor der Landwirtschaftskammer, Vincent Glaesener, auf. Außerdem ist diese Regelung so schräg, das kann man sich nicht ausdenken.

Konkret heißt das, dass der Gastronom, der keine Fritten mehr verkaufen kann, Anrecht auf staatliche Hilfe hat, aber der Bauer, der auf seinen Kartoffeln sitzen bleibt, in die Röhre schaut. Wie heißt es so schön auf dem Landwirtschaftsportal (agriculture.public.lu): „Der Minister für Landwirtschaft, Weinbau und ländliche Entwicklung möchte betonen, dass die Landwirte und alle Fachleute des Sektors eine wesentliche und unverzichtbare Stütze für die Versorgung der Nahrungsmittelkette sind, die für die gesamte Bevölkerung lebenswichtig ist.“

Was den Laien erstaunt ist die Bedeutung, die Gastronomie und Großküchen für die Marktlage haben. In einem Land mit einer weniger intensiven Schülerbetreuung und ohne Schulrestaurants, wäre der Anteil an Großküchen vermutlich geringer als in Luxemburg.

Die klassische Gastronomie versucht sich mit Take-away und Lieferservice über Wasser zu halten, aber scheinbar reicht das Volumen nicht aus, um Verluste bei den Lieferanten auszugleichen.

Die Situation ist natürlich nicht nur im kleinen Luxemburg mies, die Europäischen Landwirte und ihre Genossenschaften (COPA/COGECA) trommeln bei der EU-Kommission schon mit allen Fäusten an die Tür, um Unterstützung für ihre Mitglieder zu bekommen. Es ist nur zu befürchten, dass sie vor dieser Tür nicht alleine stehen. Patrick Welter