LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Über die sinnstiftende Funktion der Isolation

Ursprünglich wollte ich nicht darüber schreiben, über dieses eine Thema, das in jedem Gespräch geradezu unausweichlich geworden ist. Als Kolumnistin fühlte ich mich dazu verpflichtet, zu zeigen, dass uns auch noch andere Dinge interessieren und von Belang sind, kapitulierte außerdem in Gedanken vor der Herausforderung, mich zu äußern, wo doch schon alles gesagt wurde, was im Augenblick gesagt werden könnte.

Zuhause: das Abseits der Krise

Letztlich aber fühlt es sich falsch an, dem Thema, gerade aufgrund seines Ernstes, seiner Tragweite, auszuweichen. In Gedanken sind wir jeden Moment bei den Erkrankten und ihren Angehörigen, den Ärzten und dem Krankenhauspersonal und bei allen anderen, die derzeit im Einsatz sind. Unser ganzes Leben hat sich vorübergehend verändert.

Das hat es vor allem dadurch, dass unser ganzes Dasein auf einen Ort geschmälert wurde: unser eigenes Zuhause. Denn ja, dort „müssen“ wir im Moment bleiben. Und zugegebenermaßen fällt uns dort manchmal die Decke auf den Kopf. Aber unser Zuhause, das sollten wir nicht vergessen, ist kein Gefängnis. Es ist der vertraute Ort, an dem wir geschützt, aber auch abgeschottet sind, ist das Abseits von der Krise. Wir wissen zwar alle, dass es eine Krise gibt, wir sehen es in den Nachrichten, unser Arbeitsleben hat sich verändern, unser Verhalten beim Einkaufen, wir wissen, dass es neue Regeln gibt und an sie halten wir uns. Aber wir können, in unserem Zuhause, Corona nicht sehen, nicht hören, nicht riechen, nicht fühlen. Der wahre Schrecken von Corona spielt sich in den Krankenhäusern ab.

Dankbarkeit statt Frust

Genau deswegen fühlt es sich schwer an, zu fassen, was im Augenblick passiert. Und genau deswegen – zumindest ergeht es mir so – fühle ich mich die ganze Zeit ein wenig schuldig. Mir fällt es schwer, in fiktive Welten einzutauchen, kreativen Hobbies nachzugehen, Romane zu lesen und mir Filme anzusehen, weil es sich falsch anfühlt, sich ablenken zu wollen. Ablenken wovor eigentlich? Nicht vor Corona, denn wir haben doch schon den Luxus, bequem im Heimlich-Vertrauten zu sitzen, während sich Woanders das Ringen um Menschenleben abspielt. Nein, wir maßen uns an, uns vor unserer eigenen Langweile oder schlichtweg der Konfrontation mit uns selbst und unseren eigenen kleinen Sorgen ablenken zu wollen, weil es das ist, was uns, wenn wir ehrlich sind, am meisten interessiert, unsere kleine Welt, unser kleiner heiler Alltag, unsere innere Ausgeglichenheit. All das bröckelt derzeit ein wenig, wir sind sehr leidend, weil wir davon überzeugt sind, gerade ein enormes Opfer zu erbringen, dadurch, dass wir zu Hause bleiben.

In Wahrheit gibt es viele Gründe, darauf eben nicht mit Gejammer, sondern mit Dankbarkeit zu reagieren: Dankbarkeit, dass es uns und unseren Nächsten gutgeht, dass unsere Regierung so früh diese Maßnahmen zu unserem Schutz ergriffen hat. Aber auch Dankbarkeit für eine einmalige Gelegenheit, die wir vielleicht nie wieder in unserem Leben bekommen werden.

Wegweiser für die Zukunft

Nie wieder wird die Welt für einen Moment so stillstehen wie jetzt, nie wieder wird sie uns aussteigen lassen aus der Schnelllebigkeit unserer Epoche. Als ich am Freitag, den 13. März zum vorerst letzten Mal aus dem Büro ging und den Heimweg antrat, ging ich an einem Park vorbei und erlebte einen regelrechten Aha-Moment, fühlte mich, als würde ich für kurze Zeit in ein anderes Universum blicken. Eltern spielten mit ihren Kindern, ein Hund fing ein Frisbee in der Luft und brachte es seinem Herrchen. Der Park, der sonst so leer war, war plötzlich mit Leben gefüllt.

Wir alle wissen, wie gerne wir uns in außergewöhnlichen Situationen Vorsätze nehmen und sie dann, wenn wieder Normalität eingekehrt ist, alsbald vergessen. Deswegen glaube ich nicht, dass Covid-19, so prägend diese Erfahrung für uns alle ist, ein globales Umdenken mit revolutionären Folgen in allen möglichen Bereichen und Lebenslagen mit sich bringen wird. Aber, und da komme ich auf die Vorzüge der Isolation zurück: Jeder kann diese Ausnahmesituation für sich nutzen, um seine Ziele, Wertvorstellungen und Prioritäten zu hinterfragen.

Beispielsweise wird deutlich wie nie, dass Geld allein keineswegs zum Glück ausreicht und Familie und Gesundheit die erheblich wichtigeren Güter sind. Auch werden wir daran erinnert, dass wir für ein zufriedenes Leben weitaus weniger brauchen und auf weitaus mehr verzichten können, als wir dachten – das heilige Klopapier ausgenommen –, dass umgekehrt Hobbies und kreative Beschäftigungen sehr erfüllend sein können und wir uns ihnen auch in Nicht-Corona-Zeiten verstärkt widmen sollten. Vor allem aber wird uns bewusst, welche Menschen uns in unserem Leben besonders wichtig sind, nämlich jene, die wir gerade besonders vermissen, und wie wir jetzt aber auch künftig mit anderen umgehen wollen, nämlich mit mehr Achtung, mehr Respekt vor ihrem Einsatz, mit mehr Fürsorge und Hilfsbereitschaft.

Kurz gesagt: Wenn wir es zulassen, kann Corona uns ein Wegweiser sein, uns die Bedeutung aller noch so kleinen Dinge vor Augen halten, die wir fälschlicherweise als selbstverständlich betrachten, und uns nicht nur zu besseren, sondern auch zu zufriedeneren Menschen machen. Wer in der Isolation Langeweile hat, der verkennt und verpasst die Lektion, die diese Krise dem Einzelnen mit auf den Weg geben kann. •

Wer ist Christine Mandy?

Ich wurde am 12. Oktober 1994 als Erbsenzählerin geboren. Die dafür nötigen Erbsen erwerbe ich bei meiner Tätigkeit in einer Werbeagentur und im Verlagswesen. Ich bin eine Waage, halte aber wenig von absoluter Ausgeglichenheit, hege eine Vorliebe für inspirierende und ergreifende Literatur sowie tiefgehende Gespräche, besuche gerne kulturelle Veranstaltungen und liebe alles, was ungewöhnlich ist, mich überrascht und berührt. Seit 2015 habe ich die Ehre, auf dieser Seite meine Gedanken zu teilen. Wenn Sie mir auch Ihre mitteilen wollen, wäre das für mich das absolute i-Tüpfelchen:  christine.mandy@outlook.com