LUXEMBURG
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Research Luxembourg: zweite Testphase soll sich über Monate hinziehen

Das „Large Scale Testing“ (LST) zieht allmählich an, die in Luxemburg verwendeten Tests zur Feststellung einer Infektion mit dem Coronavirus oder einer Immunität sind zuverlässig und ob sich eine zweite Welle anbahnt, lässt sich so genau noch nicht sagen: Das sind nur einige Elemente, die Forscher der „Research Luxembourg“-Initiative gestern in einer recht anspruchsvollen Pressekonferenz vorstellten.
„Die Auslastung steigt an“, bemerkte etwa Ulf Nehrbass vom „Luxembourg Institute of Health“ (LIH) zu den Massentests von Bevölkerung und Grenzgängern. So wurden gestern knapp 12.300 Personen per Rachenabstrich auf die Präsenz des Coronavirus getestet. Die Auslastung in den Testzentren liege (wochentags) inzwischen bei knapp 60 Prozent. Zum Vergleich: Bis heute wurden insgesamt 940.000 Einladungen verschickt. Stand vergangener Montag wurden etwa 175.000 Termine gebucht. 166.000 traten dann auch zum Test an. Hauptziel dieser Tests ist es, Personen unter Quarantäne zu setzen, die sich mit dem Virus angesteckt haben, wenige oder keine Symptome haben und dennoch ansteckend sind. Durch das LST konnten auf diese Weise bis zum 6. Juli 268 Positive identifiziert werden. Der LIH-CEO machte darauf aufmerksam, dass über das Kontakt-Tracing pro asymptomatisch Positivem zwei weitere Infizierte ermittelt werden konnten. „Das heißt also, dass dieses Netzwerk funktioniert“, führte Nehrbass aus. Er geht davon aus, dass das Potenzial von so genannten „Superspreadern“, also Menschen, die mit sehr vielen anderen in Kontakt sind, „sehr stark verringert wird“.
Das „Large Scaling Testing“ wird auch in den kommenden Monaten wichtig bleiben, um die Entwicklung einer wie auch immer gearteten zweiten Welle abzuflachen.  „Wir überlegen uns, wie Phase 2 aussehen könnte“, meinte Paul Wilmes (LCSB).  Angedacht ist ein langfristiges Monitoring ab September bis ins zweite Quartal 2021 oder darüber hinaus, dass sich auf die Haushalte, Grenzgänger und Risikogruppen basieren könnte. Hintergrund ist die Überlegung, dass sich das Virus innerhalb einer Familie schnell verbreiten kann.
Darüber hinaus soll, wenn im Land Infektionscluster auftauchen, vor Ort mittels eines „taktischen Eingreifens“ Tests durchgeführt werden, um eine exponentielle Ausbreitung  des Virus in der Gesellschaft zu unterbinden. Die erste Testphase endet übrigens am 27. Juli.
Eben das ist auch die kruziale Frage, die sich im Zusammenhang mit einer möglichen zweiten Welle stellt. Alexander Skupin von der Universität Luxemburg geht anhand einer Modellierung davon aus, dass womöglich erst gegen Jahresende mit einer zweiten Welle zu rechnen sei. Angenommen wird ein Szenario, in dem Geschäfte, Restaurants und andere Sektoren weiter geöffnet sind, private Abendessen mit sechs Gästen stattfinden, weitere Firmen ab dem 1. Juli öffnen (mit einem Drittel der Mitarbeiter im Homeoffice), der Bausektor im August den Kollektivurlaub antritt, Social-Distancing und Maskentragen eingehalten werden sowie die Abstände in den Schulen eingehalten werden. Eine „große Unsicherheit“ geht dabei von zwei Faktoren aus: die Auswirkungen der Urlaubszeit durch etwa die mögliche Einschleppung des Virus und die Einhaltung der sanitären Empfehlungen beziehungsweise Vorschriften.
Wesentlich abgeflacht werden kann die Kurve und damit zusammenhängend auch die Auslastung in den Notaufnahmen der Krankenhäuser durch parallele Maschentests. Um die zweite Welle zu bremsen, würden mehr als 20.000 Tests pro Woche benötigt. Mit 95.000 durchgeführten Tests könne man eine zweite Welle sogar  „total verschwinden lassen“, so Skupin.

„Alarmierende“ Zahlen

Einziger Haken an der Modellierung: Sie baut auf Daten bis zum 20. Juni, also bis kurz vor einem deutlichen Neuanstieg der Infektionszahlen auf, die nur in bedingtem Maße auf die Massentests zurückzuführen sind. Haben sich die Infektionen der  vergangenen Wochen aus den Clustern herausgelöst und auf die Gesamtbevölkerung übergegriffen (diffuse Prävalenz), wäre mit einer früheren und stärkeren zweiten Welle ab Ende August/Anfang September zu rechnen, die in einem „kritischen Szenario“ münden könne. Zwar könne das LST die Ausprägung dieser Entwicklung bremsen. Doch die Modellierungen zeigen, dass selbst im Falle einer Cluster-getriebenen Ausbreitung des Virus, begleitet vom LST und Kontakt-Tracing von bis zu 60 Fällen pro Tag, die Krankenhäuser an ihre Grenzen stoßen würden. Durch eine deutlich aufgestockte Kontaktnachverfolgung  für bis zu 120 Neuinfektionen am Tag könnte die Amplitüde der Kurve dramatisch abgebremst werden. Noch lässt sich aber nicht mit Gewissheit sagen, in welche Richtung es geht. Skupin  sprach gestern von „alarmierenden“ Zahlen, die auf eine zweite Welle hindeuten könnten.
Wachsende Immunität - wenn auch langsam
Neue Ergebnisse zur CON-VINCE-Studie präsentierte Rejko Krüger von der Universität Luxemburg. Interessant dabei ist, dass es in der 4. Stichprobe vom 28. Juni - kurz vor dem aktuellen Wiederanstieg der Infektionszahlen - nur 44 von 3.506 Tests positiv ausfielen. Extrapoliert man diese Zahlen auf die Gesamtbevölkerung, ergebe das keine Infektion bis zum 28. Juni. Gleichzeitig hätten inzwischen rund drei Prozent der Bevölkerung eine Immunität entwickelt. „Man sieht, dass sich eine Immunität aufbaut“, kommentierte Krüger die Zahlen, auch wenn man noch weit von einer Herdenimmunität (ab 60 Prozent) entfernt sei.
88 Prozent der mehr als 1.800 Teilnehmer haben die Studie bislang regelmäßig unterstützt. Im kommenden April werden sie noch einmal zum Test gebeten, um den Forschern so Informationen zur Langzeitentwicklung der Pandemie  zu geben.
Der Anstieg der Neuinfektionen mit Sars-CoV-2 spiegelt sich auch in den Abwasserauswertungen des LIST wider. Henry-Michel Cauchie  sagte, dass seit dem 25. Juni in fast allen Kläranlagen Spuren des Virus ermittelt werden konnten mit Werten, die vergleichbar zur Lage Mitte April seien. Den ersten Nachweis des Coronavirus im luxemburgischem Abwasser, das konnte Cauchie gestern bestätigen, geht auf den 24. Februar zurück.
Die Präsentation mit den verschiedenen Modellierungen finden Interessierte, die vor allerhand Fachausdrücken nicht zurückschrecken, unter tinyurl.com/ResLux