SOTSCHILJ MIT DPA

Sport und Realität treffen bei den Paralympischen Winterspielen in Sotschi aufeinander

Wenige Tage nach den Olympischen Spielen blickt die Sportwelt wieder auf Sotschi. Mit einer farbenfrohen und gefühlvoll inszenierten Show sind am Freitag in der russischen Schwarzmeer-Stadt die 11. Winter-Paralympics eröffnet worden - Putin gab den Startschuss für neun Wettkampftage mit 72 Entscheidungen. „Ich erkläre die 11. Paralympischen Winterspiele in Sotschi für eröffnet“, sagte der Kremlchef und erntete dafür tosenden Beifall von den voll besetzten Rängen im Stadion Fischt. Anschließend wurde das paralympische Feuer entzündet.

Unter dem Motto „Das Eis brechen“ boten die Gastgeber eine Show-Reise, an deren Ende ein riesiges Eisbrecher-Modell mit dem Namen „Mir“ (Frieden) den Aufbruch Russlands auf neuen Wegen beim Umgang mit Behinderten symbolisierte. Die märchenhafte Feier wurde von Sängern, Tänzern und Musikern mit und ohne Behinderung gestaltet. „Dank der Paralympics hat eine neu Ära in der Geschichte Russlands begonnen: Eine ohne Hindernisse und Klischees“, sagte Organisationschef Dmitri Tschernischenko.

Düsterer Schatten: Die Krise auf der Krim

Doch über den ersten Paralympischen Spielen in Russland liegt weiter ein schwerer Schatten. Die Krise auf der Halbinsel Krim - rund 450 Kilometer Luftlinie vom Paralympics-Ort Sotschi entfernt - ist allgegenwärtig. Kein Sportler, kein Offizieller, der nicht nach seiner Einschätzung gefragt wird. Demonstrativ betonen die russischen Verantwortlichen, alle Vorbereitungen liefen auf Hochtouren.

Russland werde sich auf höchstem Niveau präsentieren, versprach Regierungschef Dmitri Medwedew. Behinderte erhoffen sich von den einen gewaltigen Schub ihrer Rechte im Riesenreich. Sir Philip Craven, Chef des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), betont: „Die Paralympics können Barrieren und Klischees beseitigen wie kein anderes Event.“

Bisher führen Behinderte in Russland ein Schattendasein. Im früheren Sowjetimperium wurde lange Zeit behauptet, es gebe keine Behinderten. Noch heute verstecken Familien aus Scham ihre pflegebedürftigen Angehörigen oft in Heimen oder Wohnungen. Menschen in Rollstühlen sind im Straßenbild kaum zu sehen. Vielerorts ist der Transport nicht auf Behinderte eingestellt. Aufzüge in Metrostationen sind rar, hohe Bürgersteige erschweren zudem das Fortkommen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch kritisiert in einem Bericht eine „Diskriminierung“ von Millionen Menschen. In Sotschi soll das nun anders werden. So behindertenfreundlich wie keine andere russische Stadt präsentiert sich nach eigenen Angaben der Paralympics-Gastgeber. Mehr als 30 „sprechende Ampeln“ seien installiert, mehr als 1.000 Orte barrierefrei erreichbar, betonen die Organisatoren. An einigen Treppen sollen Lifte die Beförderung vereinfachen - die allerdings mehrere Minuten benötigen, wie das Portal blogsochi.ru in einem Video zeigt. Rampen wären wohl einfacher und günstiger gewesen. Etwa 8.000 Freiwillige sollen während der Paralympics Hilfe leisten, Hunderte Busse stehen für den Transport der Zuschauer bereit. Wie bei den Olympischen Spielen sind vermutlich erneut Zehntausende Sicherheitskräfte im Einsatz. Zahlen nennt die Führung in Moskau diesmal nicht.

Großes Zuschauerinteresse

Das Zuschauerinteresse sei groß, meint der zuständige Vizeregierungschef Dmitri Kosak. Etwa 500.000 Karten waren im Vorfeld der Spiele verkauft worden. „Nur ein technisches Kontingent war noch übrig“, so Kosak. Die Eintrittspreise sind deutlich niedriger als noch bei den Olympischen Winterspielen, Karten gibt es schon für rund acht Euro. „Einem sehbehinderten Skifahrer zuzujubeln, der mit 100 Stundenkilometern den Berg herabrast, oder die explosive Energie des Sledge-Hockeys zu spüren - das sind einmalige Chancen“, wirbt IPC-Chef Craven um Fans.

Insgesamt sind nach offiziellen Angaben des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) 547 Sportler aus 45 Nationen am Start. Neben Kremlchef Putin hatten auf der Ehrentribüne unter anderem der deutsche IOC-Präsident Thomas Bach und Philip Craven, Chef des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), Platz genommen. Dagegen verzichteten die Bundesregierung und Politiker zahlreicher weiterer Länder sowie Angehörige von Königshäusern auf ein Reise nach Sotschi.