CLAUDE KARGER

Dieser Tage feiern auf der ehemaligen NATO-Raketenstation Pydna bei Kastellaun im Hunsrück Zehntausende die elektronische Musik. Die wenigsten der jungen Leute, die hier beim „Nature One“ abtanzen, werden wissen, dass hier einst Dutzende „Cruise Missiles“ mit Nuklearsprengköpfen auf ihren Einsatz warteten, der zum Glück nie kam. Als sich das Ende des Kalten Krieges näherte und die beiden über Jahrzehnte verfeindeten, waffenstarrenden Machtblöcke Abrüstungsabkommen wie den INF-Vertrag unterzeichneten, war auch das Ende von Pydna - gleichsam Angriffsrampe als auch Ziel - besiegelt. Doch die nukleare Gefahr ist bei weitem nicht gebannt. Nicht nur, weil neun Staaten immer noch über ein unglaubliches Arsenal von insgesamt 13.900 nukleare Sprengköpfe verfügen, sondern weil vielleicht sogar ein neues Wettrüsten zwischen NATO und Russland bevorsteht.

Denn man hört viel Säbelrasseln, nachdem die USA beschlossen hatten, aus dem 1987 unterzeichneten und seit gestern terminierten INF-Vertrag auszutreten, der die Vernichtung aller landgestützten Flugkörper mit kürzerer und mittlerer Reichweite zum Ziel hatte. Russland, so der Vorwurf, habe Waffensysteme, die gegen die Regeln des Abkommens verstoßen. Moskau dementiert. Doch es gibt nicht nur gegenseitige Schuldzuweisungen: Die starken Männer der historischen Widersacher halten nicht hinter dem Berg mit der Ankündigung von Arsenalmodernisierungen und der Entwicklung neuer Waffen - auch für den Weltraum. Während auch andere Abrüstungsverträge zwischen USA und Russland hinfällig werden könnten, wächst die Angst vor einem neuen nuklearen Wettrüsten - und zwar weltweit. China, Indien und andere aufstrebende Atommächte, sind in keinem Deal drin. Zu besagten Atommächten könnte vielleicht bald auch der Iran gehören, nachdem die USA vor einem Jahr aus dem mühsam verhandelten Nuklearabkommen mit den Ajatollahs ausstiegen und offenbar keine Gelegenheit auslassen, den Druck auf sie zu erhöhen.

Die Zeiger stehen offensichtlich in vielen Teilen der Welt auf Eskalation und das ist vor allem für Europa sehr, sehr besorgniserregend. Denn ein Wettrüsten könnte sich besonders hier bemerkbar machen. Was, wenn die NATO entscheidet, neue Mittelstreckenraketen in der leider in außen- und sicherheitspolitischen Fragen unstimmigen EU zu stationieren? Droht ein neuer Kalter Krieg, ein neues Gleichgewicht des Schreckens, das in Zeiten immer unberechenbarerer Machthaber, von denen immer mehr von „We first“-Agenden schwafeln und echte Diplomatie hinter Gorilla-Auftritten zurückstehen muss, noch prekärer wird?

Dass die Menschheit im dritten Jahrtausend näher an einer nuklearen Katastrophe steht als in den 1950ern, glaubt man den Atomwissenschaftlern, die die berühmte „Doomsday Clock“ berechnen, ist ungeheuerlich und den jungen Leuten, die gerade in Pydna und sonst wo feiern im Vertrauen auf eine friedliche und sichere Zukunft, nicht zu erklären. Es wird allerhöchste Zeit, dass die Weltgemeinschaft Druck macht für einen globalen Abrüstungsvertrag und die Säbelrassler dazu zwingt, sich wieder an einen Tisch zu setzen. Macht endlich Schluss mit dem Spiel mit der kompletten Auslöschung. Und lasst die Jugend unbesorgt tanzen!