PATRICK WELTER

Nach dem Untergang der Militärdiktaturen schien ganz Lateinamerika für einige Jahrzehnte auf einem relativ stabilen Weg zu sein. Okay, wirtschaftlich krachte es insbesondere in Argentinien zwischendrin mehrfach heftig, aber die Tendenz zeigte nach oben.

Brasilien spielt mittlerweile ganz oben in der Weltwirtschaft. Embraer ist der weltweite Marktführer für Regionalflugzeuge und die Automobilindustrie versorgt den ganzen Kontinent - aber hat’s für politische Stabilität gesorgt? Auch das größte Land Südamerikas frönt dem Trumpismus. Jair Bolsonaro, alter Kumpel der Diktatoren, ist wie sein US-Vorbild auf einer Welle der Bigotterie und der Halbwahrheiten an die Macht gespült worden.

In einem Land, in dem die katholische Kirche links steht, haben sich die evangelikalen Prediger - die zuhause für Trump beten - auf die Seite der Ultrarechten geschlagen. Immer, wenn’s um das Seelenheil geht, verlieren die Menschen den Verstand.

In Argentinien ist Christina Kirchner wieder da, trotz heftiger Korruptionsvorwürfe ist die ehemalige Präsidentin (2007-2015) zur neuen Vize-Präsidentin gewählt worden. Präsident wird ihr ehemaliger Büroleiter Alberto Fernandez. Im Zweifel wählt Argentinien die protektionistischen semi-linken Peronisten. Wirtschaftsliberale sind immer nur Zwischenlösungen nach - peronistischen - Staatspleiten. Insofern ist das Land relativ stabil.

Dafür brennt Chile. Ausgerechnet das Land, das nach der bleiernen Zeit unter Pinochet die innere Zerrissenheit überwunden hatte, wird von Protesten und sozialen Unruhen erschüttert. Spätfolgen der Chicago Boys, die unter Pinochet die markt-radikalen Wirtschaftsthesen von Milton Friedman eins zu eins umsetzen konnten. Thatcherismus hoch drei.

Verfassungen sind so eine Sache, schon mehr als ein Präsident hat versucht sie zu verbiegen… Evo Morales, der viel für die wirtschaftliche Gesundung Boliviens getan hat, sieht sich als Opfer eines „Putsches“. Der erste indigene Präsident Lateinamerikas wurde dreimal wiedergewählt - was genau das Problem ist. Eigentlich lässt die Verfassung das nicht zu, ein wohlmeinendes Gericht sah das anders. Nach der Beugung kam der Betrug. Die Wahl vor wenigen Wochen war von „Unregelmäßigkeiten“ geprägt.

Was weder Volk noch Militär akzeptiert haben. Vorgestern hat Morales aufgegeben. Gestern ist er nach Mexiko ins Asyl gegangen. Wenn sich Volk und Militär einig sind, ist das dann ein Putsch? Jetzt bleibt ein gefährliches Vakuum in La Paz. Morales ist eine tragische Figur, er hätte ein ganz großer sein können, wenn er sich nach drei Amtsperioden zurückgezogen hätte. Stattdessen hat er versucht den gleichen Weg zu gehen wie Daniel Ortega in Nicaragua und Nicolas Maduro in Venezuela: Mit allen Mitteln an der Macht bleiben. Daniel Ortega war auch mal ein Säulenheiliger der Linken, der sich zum ideologiefreien Caudillo entwickelt hat. Schlimmer noch ist Maduro. Der schlichte Erbe von Hugo Chavez hat das reichste Land Südamerikas im Namen des bolivarischen Sozialismus ruiniert. Die Venezolaner hungern oder fliehen, selbst den mangelerprobten Kubanern geht es besser. Kuba ist ein trauriges Kapitel, weil die Trump-Regierung per Boykott alle Reformansätze abgewürgt hat - aber das ist ein anderes Kapitel.