LUXEMBURG
PATRICK VERSALL

Ingo Hanke und Ursula Schinzel leiten am kommenden Samstag

In der Mittagspause es sich mit den Kollegen beim Italiener nebenan gemütlich machen, einen Teller Pasta und ein Gläschen fruchtigen Rotwein bestellen, kommt für viele heute nicht mehr in Frage. Lieber schnüren sie die High-Tech-Laufschuhe, stülpen sich eine Fleece-Mütze über das Haupt und rennen sich zwischen zwei Terminen die Seele aus dem Leib.

„Schauen Sie doch nur, wie viele Bürohengste in der Mittagsstunde in den Straßen der Hauptstadt laufend unterwegs sind“, bemerkt Marathonläufer Ingo Hanke. Luxemburg verfügt seit Jahrzehnten über eine eingeschworene Läufer-Gemeinschaft; seit vor sieben Jahren der Startschuss zum ersten Stadtmarathon des Großherzogtums gefallen ist, befindet sich Luxemburg irgendwie im Lauf-Dauer-Fieber. Für die meisten Freizeitläufer steht der rein sportliche Gedanke im Vordergrund; der Wettkampf-Aspekt ist, wenn überhaupt, nur zweitrangig.

Laufhelden

Im Vorfeld der diesjährigen Auflage des Luxemburg-Marathons hatten die beiden Läufer Ursula Schinzel und Ingo Hanke sechs Freizeitläufer zu ihren Lauferfahrungen interviewt. „Jeder ist ein Held“ lautete der Titel dieser Interviewreihe, die in der luxemburgischen Presse erschien.

Es habe sich um so genannte „normale“ Läufer gehandelt, so Ingo Hanke, also keine Top-Läufer, die durch ihre Spitzenzeiten eh regelmäßig auf den Sportseiten der Zeitungen und Magazine zu Gast sind. Tausende Läufer würden an solchen Veranstaltungen teilnehmen, über deren Leistung und Beweggründe würde die Öffentlichkeit nie etwas erfahren, so die beiden Läufer. „Wir befragten damals jeweils drei Läufer und drei Läuferinnen nach der Bedeutung des Laufens und waren verblüfft, was der Sport bei denen auslöst“, erinnert sich Hanke. Überrascht waren Hanke und Schinzel ebenfalls über die unterschiedlichen Beweggründe.

Die einen wollten einfach nur abschalten, sprich sich mit Hilfe des Sports aus dem Berufsalltag ausklinken. Andere verarbeiteten während ihren Ausläufen die Probleme, mit denen sie in ihren Partnerschaften konfrontiert wurden. Andere wiederum wurden durch einen Krankheitsfall im Bekannten- oder Kollegenkreis wach gerüttelt und nahmen den Kampf mit dem inneren Schweinhund erneut auf.

Hanke erinnert sich ebenfalls noch sehr gut an einen passionierten Freizeitläufer, der jahrelang dem Laufsport intensiv gefrönt hat, dann aber aus Motivationsgründen die Schuhe an den berühmten Nagel hing und durch die Interviews wieder zurück zum Laufen gefunden hat.

Gemeinsamer Background

Die geführten Interviews waren der Ausgangspunkt eines Laufseminars der etwas besonderen Art, das Ingo Hanke und Ursula Schinzel am kommenden Samstag, den 9. November in der Jugendherberge in Luxemburg-Grund leiten. Neben zwei Laufeinheiten - eine morgens, eine weitere nachmittags - bietet dieses Seminar den Teilnehmern die Gelegenheit, sich ausgiebig über ihre individuellen Lauferfahrungen auszutauschen.

Ihr Ziel sei es, so Hanke, einen Rahmen zu schaffen, der es den Läufern erlaube, ihre Selbsterfahrungen mit anderen Läufern zu teilen. Der gemeinsame Background, der alle Teilnehmer vereine, so Hanke, sei der Laufsport. Die Erfahrungsunterschiede zwischen den einzelnen Läufern sollen im Laufe des Seminars ausgelotet werden. Jeder kann darüber berichten, wie sich der Laufsport, dieses monologische Erlebnis, auf die Psyche und die Physis des einzelnen auswirkt. „Bei mir löst das Laufen beispielsweise Kreativität aus; es weckt Ressourcen im Menschen“, erklärt Ingo Hanke. In der Gemeinschaft könne die Fülle des Potenzials des Laufens noch intensiver entdeckt werden, so Hanke weiter.

Ursula Schinzel und Ingo Hanke möchten demnächst die Erfahrungen der Läufer in Buchform veröffentlichen, „ein Kaleidoskop mit unterschiedlichen Berichten“, so die Kursleiter. „Ich glaube, der Laufsport ist die Meditation des Westens, die Menschen kommen durch die Bewegung eher zu sich als durch eine zehnstündige Sitzmeditation“, reflektiert Ingo Hanke.