LUXEMBURG
SVEN WOHL

luxroots ermöglicht es seinen Nutzern, online Ahnenforschung zu betreiben

Wer in Luxemburg Ahnenforschung betreiben möchte, der findet an luxroots kaum einen Weg vorbei. Das Online-Projekt macht die Aufarbeitung des eigenen Stammbaumes spielend leicht. Wir haben ein Gespräch mit dem Initiator des Projekts, Georges Eicher, geführt.

Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante - Lëtzebuerger Journal
Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

Welche Daten erfasst luxroots?

Georges Eicher Unsere Mitarbeiter nehmen die Details von Akten auf. Wir haben mit den Geburtsakten angefangen und  haben uns dann durch die Taufen und Hochzeiten gearbeitet. Aktuell steht uns mit den Todesakten noch ein riesiger Batzen Arbeit bevor.

Welchen Einfluss hat die Digitalisierung auf die Ahnenforschung?

Eicher Die Ahnenforschung hat sich durch das Internet stark verändert. Man kann sich kaum vorstellen, wie einfach heute die Familienforschung aussieht. Heute machen wir in 15 Minuten Stammbäume mit bis zu elf Generationen, wo früher 15 bis 20 Jahre gebraucht wurden.  Früher ging man noch zu Fuß zum Pfarrer oder zur Gemeinde. Heute findet man die Dokumente im Netz.

Als wir 2003/2004 angefangen haben, war gerade mal die Digitalkamera eingeführt worden. Dies ist eine der Innovationen, die zu unserem Erfolg geführt hat. Damit konnte man kostengünstig die Akten fotografieren und auf DVD an Mitarbeiter weitergeben. Dank digitaler Bearbeitungsmöglichkeiten wurden diese dann umso lesbarer. Die Akten sind meistens handgeschrieben, weshalb sie oft schwer lesbar sind.

Wie groß ist der Aufwand?

Eicher Wir sind 60 Freiwillige, die 600 Akten am Tag verarbeiten. Die Freiwilligen arbeiten so viel wie zehn Vollzeitbeschäftigte. Es ist ein gewaltiger Aufwand. Wir haben bereits etwas mehr als zwei Millionen Akten  aufgenommen.  Pro Akte brauchen wir ungefähr sechs Minuten.

Unsere freiwilligen Mitarbeiter sind schon ein bisschen süchtig. Sie brauchen diese Aufarbeitung von Akten wie andere eine Droge.  Es steht dabei jedem frei, mitzuarbeiten und aufzuhören, wann er dies möchte. Es freut mich auch, dass wir so viele motivierte Freiwillige haben, wo es sonst so schwierig ist, diese aufzutreiben.

Man muss nicht unbedingt ein Mitarbeiter sein, um sich bei uns zu beteiligen, auch Abonnierte können das. Zum Glück haben wir mehr als tausend Abonnenten, die 20 Euro im Jahr bezahlen.  Sie sorgen allein für die Finanzierung des Projektes.  Die finden sich in der ganzen Welt wieder – wir sind schließlich kein rein nationales Projekt.  Wir wollen eigentlich alle Gebiete des alten Herzogtums von vor 1815 abdecken. Auch weil es viel Immigration gab aus diesen ehemaligen Gebieten Luxemburgs.

Welche Eindrücke erhalten Sie aus den Dokumenten?

Eicher Oft kommt die Frage: Wie konnten diese Menschen damals überleben? Zu bedenken ist auch, dass die Kindersterblichkeit damals enorm hoch war. Um 1810 starb ein Drittel der Kinder im Ösling vor dem sechsten Lebensjahr. Zusätzliche 20 Prozent starben vor dem 30. Lebensjahr. Nur drei Prozent erreichten das 80. Lebensjahr. Heute stellen die über 80-Jährigen laut Statec weit über 50 Prozent der Sterbeakte dar. Die Kinder und Jugendsterblichkeit dagegen ist mittlerweile äußerst gering.

Was motiviert die Menschen, sich für ihre Ahnen zu interessieren?

Eicher Sie fragen sich oft, was ihre Vorfahren gemacht haben. Es gab natürlich auch zahlreiche Familiengeheimnisse. Dann entdecken sie etwa in den Akten zahlreiche Totgeburten – ein Thema, das zu dieser Zeit Tabu war. Man stößt auch auf uneheliche Kinder und Findelkinder.  Diese Kinder erhielten dann den Namen des Ortes, wo sie gefunden wurden. Daraus ergeben sich heutige Namen wie „Lacour“, „chemin“, „delagrotte“ oder „delaplace“.

Wie viele Menschen sprechen sie an?

Eicher Leider sind wir noch nicht ein multikulturelles Projekt. Oft frage ich etwa Jugendliche von portugiesischer oder italienischer Herkunft um das Projekt auf ihre Herkunftsgegend zu erweitern. Zahlreiche Migranten stammen schließlich aus ganz bestimmten Gegenden ihrer jeweiligen Herkunftsländer. Wenn diese Gegenden vergleichbar aufgearbeitet werden würden, könnten sie auch ihre Wurzeln in unserem Projekt wiederfinden.

Da wir ein nationales Projekt sind, ist die Zahl der Menschen, die wir ansprechen können, überschaubar. Nur schätzungsweise 200.000 bis 250.000 Menschen können in ihrer Großelterngeneration nur Luxemburger aufweisen. In den vergangenen 15 Jahren haben sich 8.000 Personen bei uns angemeldet. Nur die Hälfte davon sind Luxemburger. Jedoch kennt noch längst nicht jeder in Luxemburg unser Projekt.

Was können Abonnenten bei luxroots alles tun?

Eicher Sie können nachschauen, können Ahnentafeln und Nachkommenslisten erstellen, können sich aber auch beteiligen und neue Daten eintragen. Wir setzen auf ein Punktesystem, bei dem Punkte für Recherchen ausgegeben und durch das Hinzufügen von Informationen erworben werden können. Wer beispielsweise eine Tabelle macht, verliert einen von 300 anfänglichen Punkten. Damit wollen wir vermeiden, dass jemand den ganzen Tag Tabellen generiert und damit unseren Server belastet. Die Punkte kann man jedoch auch für einen wohltätigen Zweck spenden.

Wie sieht die Zukunft für das Projekt aus?

Eicher Wir sind vor allem eine Mannschaft, die aus Rentnern besteht. Ich bin mitunter einer der Jüngsten. In spätestens fünf Jahren werden wir Luxemburg abgeschlossen haben. Das werden dann ungefähr 2,5 Millionen verarbeitete Akten sein.  Wir müssen jedoch schauen, wie wir das Projekt langfristig abgesichert bekommen, denn es hängt zu sehr an mir. Wir wären froh, wenn die Gemeinden und das Innenministerium das Projekt in fünf Jahren übernehmen würden und über die Akten von1923 hinaus fortsetzen könnten.

Wir wollen auch erreichen, dass die Akten zeitnaher einsehbar werden. In Luxemburg gibt es hier eine 100-Jahresfrist. Wir haben eine Anfrage beim Justizministerium eingereicht, dass diese Frist auf ein  mit dem direkten Ausland vergleichbares Niveau herabgesetzt wird. 

Wir betrachten uns allerdings auch als ein nachhaltiges Kulturprojekt. Man muss bedenken, dass viele Gemeindesekretäre nicht mehr die alten Akten gelesen bekommen. Da sind unsere Daten nützlich, weil wir auch zahlreiche Details aufgenommen haben, wodurch die Akte wieder lebendig wird.