LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Von Siegfried bis Mansfeld: Lex Gillen ist ein wandlungsfähiger Künstler

Die Stimme klingt anders. Eigentlich erinnert sie überhaupt nicht an jene von Pierre-Ernest von Mansfeld, der uns vor ein paar Wochen durch das „Musée National d’Histoire et d’Art“ (MNHA) führte. „Mansfeld on tour“ lautet der Name dieser neuen
„Visite théâtrale“. Dahinter steckt der Schauspieler Lex Gillen, der im gleichen Haus auch regelmäßig in die Rolle des „Schräiner Biver“ schlüpft, um Museumsbesichtigungen der etwas anderen Art anzubieten. Als Graf Siegfried führt er außerdem im „Luxembourg City Museum“ durch die Geschichte der Stadt Luxemburg. Das künstlerische Konzept dieser Produktionen der „Kultrun asbl“ hat seine Frau Natalia Sanchez ausgeklügelt. Wir wollten mehr über den Mann mit den vielen Gesichtern erfahren; Mansfeld, „Schräiner Biver“ und Siegfried sind nämlich bei weitem nicht die einzigen historischen Gestalten, die er bislang zum Leben erweckt hat.

Den Anfang machte „Jean de Hollenfels“

„Mit Jean de Hollenfels hat alles angefangen“, erklärt Lex Gillen. Als Burgherr entführte er die Besucher auf Schloss Hollenfels ins Mittelalter und in die Geschichte des Tals der sieben Schlösser. Es war das erste Projekt einer ganzen Reihe, das damals von Natalia Sanchez auf den Weg gebracht wurde. „Sie war der Meinung, dass ich das machen sollte“, lacht Gillen, der bis dahin mit Theater und Schauspielerei eigentlich nichts am Hut hatte. Mit dem damaligen Partner „Leader Lëtzebuerg West“ wurde dann weiteren historischen Figuren Leben eingehaucht. Als Jules Collart, einstiger Besitzer der Steinforter Schmelz, ließ Gillen die schwierigen Zeiten von damals erneut aufleben. „Auf dieser Reise ins Industriezeitalter haben wir die ganze Geschichte des Steinforter Hüttenwerks aufgegriffen und darauf geachtet, die Charaktere so nah wie möglich an der Realität wiederzugeben. Selbstverständlich haben wir uns an die historischen Texte sowie Fotos gehalten und uns eingehend informiert, schließlich wollten wir keinen Fehler machen“, beschreibt der 50-Jährige.

Ziel dieser Projekte ist es, Geschichte zu vermitteln: die Geschichte der jeweiligen Epoche und auch der Figur. „An sich ist es ein lebendiger Geschichtskurs für Erwachsene und auch Kinder. Auf spielerische Art und Weise soll ihnen unser Kulturerbe nähergebracht werden, demnach das Interesse für die eigene Geschichte geweckt werden“, beschreibt der Künstler. „Wenn ich an meine eigene Schulzeit zurückdenke, muss ich zugeben, überhaupt keinen Zugang zur Geschichte gehabt zu haben, was vor allem am relativ faden Geschichtsunterricht lag. Eine Performance dauert jeweils eine gute Stunde. Die Kinder und Teenager sind während der ganzen Zeit voll dabei. Niemand langweilt sich, jeder hat Spaß. Ich bin davon überzeugt, dass sie auf diesem Weg mehr davontragen, als sie das im Klassensaal tun“, meint er.

Alles historisch korrekt

Hinter solchen theatralischen Führungen steckt viel Arbeit. „Fast ein Jahr ist nötig, um ein neues Projekt vorzubereiten. Die Recherche allein nimmt viel Zeit in Anspruch“, erfahren wir. „Die Leute stellen ja auch Fragen, auf die ich vorbereitet sein muss, um keine Dummheiten zu erzählen. Wenn ich die Antwort nicht weiß, gebe ich an, mich nicht mehr zu erinnern, weil es bereits zu lange zurückliegt. Manchmal sind auch ganz passionierte Menschen im Publikum, die mehr erfahren oder mich auch schon mal auf die Probe stellen wollen“, schmunzelt er. In Steinfort seien dies etwa ehemalige Schmelzarbeiter gewesen. Allein um den Unterhaltungswert geht es demnach nicht, alles muss historisch korrekt sein.

Streng nach Drehbuch laufen die Performances zwar nicht ab, der Improvisation kommt trotzdem nur eine geringere Rolle zu. „Natürlich muss ich spontan sein können, um auf das Publikum zu reagieren und mit ihm zu interagieren, dennoch gibt es eine fixe Grundstruktur, die Natalia ausarbeitet. Die historischen Fakten suche ich zusammen, sodass am Ende ein rundes Ganzes entsteht, das funktioniert“, beschreibt Gillen. Auf Anfrage der Petinger Gemeinde hat er letztes Jahr „Millejängi“ wiederauferstehen lassen: eine legendäre Gestalt, die seinerzeit in Rollingen die Mühle betrieb. „Um mich auf diese Rolle vorzubereiten, bin ich durch das Dorf gezogen, um möglichst viel über diese Person in Erfahrung zu bringen und sie dann auch glaubhaft darzustellen“, erinnert er sich. Genau das ist ihm gelungen. „Einer der Zuschauer meinte am Ende: ,Du hast Millejängi nicht gespielt, du warst Millejängi‘. Das ist ein tolles Kompliment. Genau darum geht es: wirklich zu der Figur werden, dich komplett in sie verwandeln“, bemerkt er.

Auf der Suche nach Mansfeld

In die Person des Mansfeld habe er sich nach zwei Vorstellungen noch nicht ganz eingelebt. „Ich fühle mich noch nicht sicher in der Rolle, das braucht seine Zeit. Die größte Herausforderung besteht eindeutig darin, zu der Person zu werden. Diese Verwandlung ist noch nicht komplett abgeschlossen, ich bin noch nicht Mansfeld. Ich passe die Performance dem jeweiligen Publikum und den Altersgruppen an, und bei Mansfeld bin ich noch nicht so fit, dass mir das total leicht fallen würde. Es ist aber auch eine komplexe Person, die viel erlebt hat. Um herauszufinden, wer dieser Mensch tatsächlich war und wie ich ihn darstellen könnte, habe ich mich intensiv mit den ,Amis du Château de Mansfeld‘ ausgetauscht. Viel wusste ich am Anfang nämlich nicht über ihn, so wie wohl die meisten Luxemburger“, gibt er zu bedenken. Da Natalia Sanchez die Idee hatte, Mansfeld auf Zeitreise zu schicken, um die Teilnehmer der Tour so durch verschiedene Museumssammlungen beziehungsweise Epochen führen zu können, sei er derzeit dabei, eine Zeitmaschine zu bauen. „Eine solche Besichtigung entwickelt sich eigentlich ständig weiter, das hört nie auf. Die Rolle passt man immer wieder an. Man lernt immer wieder hinzu oder schnappt Anekdoten auf, die man dann einbauen will“, fügt er hinzu.

Wie sieht es eigentlich mit Lampenfieber aus? „Gibt es natürlich. Je neuer eine Rolle ist, desto größer ist das Lampenfieber“, antwortet Gillen und beschreibt, wie er sich im Vorfeld mental auf eine Performance vorbereitet. „Das ist ein ganzer Prozess. Bei Mansfeld dauert das gut 20 Minuten, bei Schräiner Biver geht es viel schneller, weil ich ihn schon länger spiele. Es gibt gewisse Techniken, die man anwendet, um sich in die Person zu verwandeln. Deshalb verändere ich beispielsweise auch die Stimme. Jede Figur hat ihre Stimme, so gelingt die Verwandlung am besten. Die Performances dauern immer eine gute Stunde, länger hält man es auch nicht durch, dann lässt die Konzentration nach und Lex Gillen kommt wieder zum Vorschein“, sagt er und lacht. Mansfeld sei bislang die größte Challenge, momentan aber auch seine Lieblingsfigur: „Ich mag ihn sehr, es macht viel Spaß, ihn zu spielen. Eigentlich sind sie mir aber alle sympathisch“.

„Grénge Mann“, Schreiner und Mansfeld

Die nächsten Darbietungen von Lex Gillen: Als „Grénge Mann“ (Entdeckungstour durch den Wald) am 27. April um 15.00 in Beckerich (Parking Millen) sowie am 1. Mai um 11.00 in Fond-de-Gras (Minettpark, Hall Paul Wurth), als „Schräiner Biver“ am 28. April um 11.00 sowie am 18. Mai um 15.00 im MNHA und als Mansfeld am 12. Mai sowie am 19. Mai jeweils um 11.00 im MNHA.

Lesen Sie zur Mansfeld-Tour noch einmal unseren Bericht: tinyurl.com/MansfeldOnTour