Von Wünschen, Zorn und Nazis

Morgens geht die Sonne auf. Wir nehmen dies mit ziemlicher Sicherheit an, da uns die Erfahrung diese Hoffnung erlaubt. Berechtigterweise – erfüllt sich diese Erwartung doch seit tausenden Jahren täglich. Dank sich stets wiederholender Naturgesetze können wir uns in einer gewissen Sicherheit wähnen, was manche mechanischen Abläufe unseres Umfeldes anbelangt. Manche, wohl doch noch längst nicht alle. Dass unter unseren Erdplatten genügend Herde brennen, die ein gewaltiges Erdbeben oder Vulkanergüsse auslösen könnten, wird von Wissenschaftlern selten bestritten. Doch meistens passiert ja nichts, und so leben wir mit dem illusorischen Schein vermeintlicher Sicherheit bis zum Tage X.

Es gibt noch eine andere Art der Erwartungen, die mit einer verblüffenden Notwendigkeit zu unserer Lebensführung dazugehören und uns sehr oft das Leben gleichsam erschweren, wenn sie nicht als Rettungsleine in verzweifelten Zeiten fungieren. Wir haben eine gewisse Erwartung an die Realität. So soll stets alles so vonstatten gehen, wie wir es gewohnt sind. Kontinuität und Stabilität sind hier die beiden Weisen, die der Alltag singt. Dazu gesellen sich die Erwartungen, die wir an das Leben und dessen Ablauf stellen. So gehört dazu die Idee der Heirat, des Kinderkriegens, der Lebensverwirklichung. Doch auch die Erwartungshaltung gegenüber den Mitmenschen mischt mit: Ich erwarte ein Danke, ich erwarte einen Rückruf, ich erwarte eine Reaktion. Die Liste ist denkbar lang.

Treffen unsere Wünsche und Vorstellungen jedoch mit der blanken Realität aufeinander, ergibt sich oft ein heftiger Aufprall. Der Alltag beweist, dass das Leben oft unabhängig von unseren Erwartungen abläuft. Wut, Verzweiflung, Frustration, die Gefühle nehmen überhand, und wir verbleiben enttäuscht und vor den Kopf gestoßen. Dabei sind eigentlich weniger die Gefühlsausbrüche das Grundproblem, sondern unsere Vorstellungen, die dahinterstecken. Das, was von uns für normal gehalten wird, soll gefälligst auch normal sein. Stimmt unsere Idee nicht mit dem Wirklichen überein, sind Unverständnis und Frust groß. Natürlich erleiden wir nicht bei jeder Kollision von Wunsch und unnachgiebiger Realität ein Emotionsdesaster. Oft reicht aber dennoch bloß eine Kleinigkeit, damit wir fluchen und der Blutdruck steigt, sei es der unerwartete, lange Stau, die unauffindbare Fernbedienung oder etwa verknotete Kopfhörer. So manch einer bekommt da schon rote Ohren. Schlimmer wird es jedoch, wenn uns Ereignisse überwältigen, die wir so überhaupt nicht erwarteten und die uns mitten ins Herz treffen. Sei dies die entdecke Untreue, der tragische Unfall oder der verfrühte plötzliche Tod. Dann wird unser Weltbild gehörig auf den Kopf gestellt. Nichts verläuft mehr unseren Vorstellungen entsprechend, unsere Hoffnungen sind enttarnt. Bald kommt Unverständnis auf, gesellt sich zu Schmerz und dem Leugnen der Geschehnisse.

Wir nennen das Leben nicht fair, sind überzeugt, dass das Ereignete furchtbar und ein derber Schicksalsschlag sei. Doch warum sollte dem so sein? Haben wir etwa eine Abmachung mit den Leben geschlossen? Einen Vertrag unterschrieben, der uns die Sicherheit gibt, dass tatsächlich alles so verläuft, wie wir es erwarten? Nein, wir sind nur gänzlich von der Stabilität der Realität eingelullt. Wir gewöhnen uns an das, was ist, an das, was wir als normale Anforderungen an des Lebens Fortgang stellen. Sehen wir „unsere“ Regeln verletzt, stocken wir, sind traumatisiert, verstehen die Welt nicht mehr.

Weichen wir von unseren Fantasiegebilden zurück, tut sich die nüchterne Welt der objektiven Betrachtung auf. Wir haben kein Recht darauf, die Vollkommenheit des Lebens, – bloß unsere Vorstellung – zu erwarten. Erfüllt sich unser Wunsch, ist das ein netter Bonus, unsere Vorstellung der Kontinuität ist erfüllt. Dass sich aber das Unheil blitzschnell ohne Vorwarnung breit machen kann, blenden wir zwar gerne aus, jedoch gehört das ebenso dazu, wie dass uns manchmal die Gunst der Fortuna ereilt. Die Üblichkeit der Normalität ist nur ein Hafen für naive Gedanken. Wir berufen uns auf Wahrscheinlichkeit, die doch mitnichten als Garantie taugt. Auch wenn alles lange gut läuft, heißt das nicht, dass dem stets so ist. Zu jeder Zeit kann etwas Anormales passieren, wie der römische Philosoph Seneca (etwa 1-65 n. Chr.) auch bereits zu mahnen wusste: „So oft einer neben dir oder hinter dir niedergefallen ist, rufe aus: ‚Du täuschst mich nicht, o Schicksal, du wirst mich nicht unvorbereitet und unachtsam überraschen. Ich weiß, was du vorhast: einen anderen zwar hast du getroffen, aber mich hast du gemeint‘.“ Der diabolische Zufall ist mit dem menschlichen Schicksal tief verbunden, davor dürfen wir nicht stets blind die Augen verschließen, nur um uns in Sicherheit zu wägen.

So rät Seneca zur Philosophie, ist sie doch das beste Mittel, um uns auf das Schreckliche vorzubereiten. Denken wir an die Möglichkeiten – alle! – die das Schicksal für uns bereithalten kann, können wir vielleicht vorab bereits einige Reaktionsmöglichkeiten bedenken, nach denen wir uns im Falle aller Fälle, wenn unsere Ratio uns zu verlassen droht, doch richten können. Stoisch oder philosophisch auf Unheil zu reagieren, heißt nicht, es herabzuspielen, sondern selbstbeherrscht auf das Unglück zu reagieren. So kann der Aufprall zwischen dem, was wir uns wünschen, und dem, was wirklich eintritt, abgemildert werden.

Lassen wir uns nicht von der Kontinuität des Alltags täuschen: Auch wenn lange kein Krieg mehr war, kann er dennoch wieder ausbrechen. Auch wenn lange keine Nazis mehr an der Macht waren, so ist dies jedoch nicht ausgeschlossen. Verschließen wir auch hier naiv die Augen? Wollen wir auch hier nicht wahrhaben, was uns die harte Realität doch bereits zeigt: Es wird marschiert, skandiert und propagiert, gehasst und getötet. Die Gefahr des Super-GAUs wächst jeden Tag, doch gab es so lange schon keinen atomaren Unfall mehr, dass wir oft gar nicht mehr daran denken. Jeden Morgen verlassen wir das Haus, jedes Mal der Meinung, abends wieder einzukehren. Weitere Beispiele gibt es etliche, fallen Ihnen auch einige ein? Die Mauer rast auf uns zu, wäre es nicht besser, daran zu denken, die Augen schnell aufzumachen? Wir leben nicht in einer rosaroten Welt, in der sich unsere Erwartungen an ein Leben in Frieden, Glück und Harmonie verwirklichen, nur weil wir es wollen.