LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Letzter Teil der Europa-Trilogie von Milo Rau „Empire“: ein Stück über Flucht und Ankommen

Nach der Auseinandersetzung mit dem Dschihadismus in „The Civil Wars“ (2014) und der Befragung des Kriegsgedächtnisses in „The Dark Ages“ (2015) bringt der Schweizer Bühnenautor Milo Rau im letzten Teil seiner Europa-Trilogie „Empire“ (2016) die Themen Migration, Exil und letztlich die Suche nach einer (neuen) Heimat zur Sprache. Immer noch beschäftigt ihn dabei die Frage, was den Frieden und die europäische Einigkeit stört. Am Donnerstag und Freitag war das Theaterstück auf der Bühne des Robert Krieps-Saals im Kulturzentrum neimënster zu sehen. Parallel dazu läuft auch eine Ausstellung mit zahlreichen Videoinstallationen zu Milo Raus Trilogie, dies indes noch bis zum 27. Januar.

Biografische Erzählungen

Im Mittelpunkt dieses abschließenden Teils stehen vier Schauspieler mit ihren biografischen Erzählungen. Sie spielen, beziehungsweise verkörpern sich selbst, erzählen ihre eigene Geschichte, berichten aus ihrer Perspektive, wie sie wichtige Schlüsselerlebnisse Europas und außerhalb der europäischen Grenzen erlebt haben und wie sich diese auf ihr Leben, ihre Laufbahn ausgewirkt haben. Der historisch-politische Kontext spielt natürlich eine nicht unwesentliche Rolle, wenn Maia Morgenstern, Ramo Ali, Akillas Karazissis und Rami Khalaf diese intimen Einblicke geben.

Projektion auf die Leinwand

Das Publikum blickt auf die verkohlten Überreste einer größtenteils zerstörten Gebäudewand. Sie dient aber nur kurzzeitig als Bühnenkulisse. Die Schauspieler selbst drehen sie um 180 Grad und bringen den eigentlichen Schauplatz des Stücks zum Vorschein: eine einfache Küchenzeile, auf deren Arbeitsplatte sich das Geschirr stapelt. Daneben ein Bett und weiter vorne ein Tisch mit Stühlen. Über der Küchenwand befindet sich ein großer Bildschirm. Während drei Protagonisten Platz auf den Stühlen nehmen, setzt sich der vierte auf einen Hocker und betätigt eine Kamera. Abwechselnd erzählt werden die Geschichten direkt in diese Kamera, die Gesichter der Schauspieler werden in Nahaufnahme auf die Leinwand projiziert, wo synchron auch französische und englische Untertitel eingestrahlt werden. Gesprochen wird nämlich in den jeweiligen Sprachen der Personen, die wir in „Empire“ vor uns sehen. Sie stammen aus Griechenland, Syrien, Kurdistan und Rumänien.

Durchaus kann man zwischendurch etwas bedauern, dass man dem Geschehen auf der Bühne nicht richtig folgen kann, weil man auf das Lesen der Übersetzung auf dem Bildschirm angewiesen ist. Da das Stück aber ohnehin mit wenig Handlung auskommt, es selten zu Tempowechsel oder Interaktionen kommt, bleibt dies ein minimaler Störfaktor, beziehungsweise ein kleiner Wehrmutstropfen. Die Erzählungen an sich sind eindringlich genug. Durch die Nahaufnahme, die die ansonsten kaum wahrnehmbaren Emotionen im Gesichtsausdruck offenbart, wird die Intensität der teils nüchtern und immer mit ruhiger Stimme erzählten Geschichten über Krieg, Sadismus und Flucht zweifelsohne ein Stück greifbarer.

Manchmal komisch, meist tragisch

Wer sind diese Menschen, die so bereitwillig von ihrem persönlichen Lebensweg erzählen, die Geständnisse machen und von schweren Schicksalsschlägen berichten, uns dadurch manchmal zum Lachen bringen, viel häufiger aber ergreifen?

Da wäre zunächst der Kurde Ramo Ali, der als eines von 14 Kindern in Al-Qamishli, einem Ort in Syrien nahe der türkischen und der irakischen Grenze, aufwuchs. Seit 2011 lebt er in Deutschland. Die einzige weibliche Mitwirkende in „Empire“ ist Maia Morgenstern, deren Großeltern im Konzentrationslager Auschwitz waren. Sie selbst wuchs in der rumänischen Diktatur unter Ceausescu auf und wurde schließlich durch Filme von Theo Angelopoulos und Mel Gibson („The Passion of the Christ“, 2004) bekannt. Der dritte im Bunde ist Akillas Karazissis, der in den späten 60ern vor der griechischen Junta nach Heidelberg floh. Heute gehört er zu den bekanntesten Theatermachern Griechenlands. Und dann gibt es da noch den syrischen Schauspieler Rami Khalaf, der 2012 nach Frankreich flüchtete. Sein Bruder gilt seit einer Demonstration im gleichen Jahr als verschollen. Wochenlang klickte sich Rami auf der Suche nach Gewissheit durch die Fotogalerien, die ein syrischer Militärpolizist außer Landes geschmuggelt hat und die 12.000 Opfer zeigen, die durch Assads Folterpraxis ums Leben gekommen sind. Mehrere davon werden auch an diesem Abend auf dem großen Bildschirm gezeigt. Dies dürfte gleichzeitig der intensivste Moment dieses Sprechstücks sein.

Kleine Geschichtenin der großen Geschichte

Nach und nach nehmen die jeweiligen Schicksale der vier Schauspieler Form an. Es wird deutlich, welche Situationen, in die sie mehr oder weniger durch Zufall gerieten, entscheidend für ihre persönlichen Geschichten waren und inwiefern dadurch am Ende die „große“ Geschichte - die der Kulturen und Nationen - erzählt wird. Das Private und das Politische werden schließlich zu einer Einheit. Und nichts davon ist Fiktion. Kalt wird „Empire“ deshalb niemanden gelassen haben.