LUXEMBURG
CHRISTIAN SPIELMANN

„Dolor y gloria“ und „Le jeune Ahmed“: zwei in Cannes prämierte Filme in Luxemburgs Kinos

Zweimal haben die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne beim Filmfestival in Cannes die Goldene Palme gewonnen, mit „Rosetta“ (1999) und „L’enfant“ (2005). Außerdem haben sie weitere Preise in Cannes erhalten, wie dieses Jahr den Regie-Preis für „Le jeune Ahmed“. Pedro Almodóvar wurde noch mit keiner Palme in Cannes ausgezeichnet, jedoch mit dem Preis als bester Regisseur für „Todo sobre mi madre“ (1999) und für das beste Drehbuch für „Volver“ (2006). Dieses Jahr lief sein „Dolor y gloria“ (Douleur et gloire) im offiziellen Wettbewerb und Hauptdarsteller Antonio Banderas wurde mit dem Darstellerpreis belohnt.

Fanatisch

Ahmed (Idir Ben Addi) ist vom Tod seines Cousins fasziniert, zumal dieser vom Imam (Othmane Moumen) als Märtyrer idealisiert wird. Weil der Junge einen labilen Charakter hat, ist es einfach, ihn zu radikalisieren. Das geht so weit, dass er die Lehrerin Inès (Myriem Akheddiou) mit einem Messer attackiert und verletzt, nur weil diese den Kindern mithilfe von Musik die moderne arabische Sprache näherbringen will. Er kommt in eine Jugendhaftanstalt, wo er auf einem Bauernhof arbeiten muss. Hier lernt er Louise (Victoria Buck) kennen.

Leider versäumen es die belgischen Brüder, der Geschichte die nötigen Akzente zu verleihen, um zu demonstrieren, dass der muslimische Glauben von Fanatikern so verformt wird, um falsche Ziele zu erreichen. Anscheinend scheint das Gebot, dass es verboten ist, jemanden zu töten, was auch im Koran steht, Ahmed nicht zu interessieren, denn ohne mit der Wimper zu zucken versucht er Inès zu erstechen. Niemand spricht ihn auf dieses Verbot an und keiner versucht seinen religiösen Fanatismus zu bremsen, indem er gezwungen wird, seine oder die Aussagen des Imams zu beweisen, was ihm nicht gelingen und somit die Augen öffnen würde. Außerdem wiederholen sich viele Szenen, wie das Gebet von Ahmed, die keine Erklärungen bieten, wieso er dem religiösen Fanatismus so tief verfallen ist. Am Rande wird ein Hang zum Alkohol der Mutter (Claire Bodson) als Ursache erwähnt.

Versöhnung

Almodóvars Film hat sicher autobiografische Züge, denn er beschreibt eine Art Heilungsprozess des Filmregisseurs Salvador Mallo (Banderas), der sich aus Gesundheitsgründen zur Ruhe gesetzt hat. In einer recht originellen Manier präsentiert Almodóvar alle Krankheiten, an denen Salvador leidet, speziell seine Kopf- und Rückenschmerzen, wie auch ein Problem mit dem Schlucken.

Salvadors bekanntester Film „Sabor“ wurde von der spanischen Filmothek restauriert. Seine Managerin Mercedes (Nora Naves) überzeugt ihn, den Film in Madrid zu präsentieren, wenn möglich zusammen mit dem Hauptdarsteller Alberto Crespo (Asier Etxeandia). Nur hat er mit diesem seit Jahren nicht gesprochen. Er sucht ihn auf, und nach einem gemeinsamen Drogenexzess sagt Crespo zu. In Salvador kommen laufend Erinnerungen an seine Kindheit und an seine Mutter (Penélope Cruz) hoch. Je mehr er sich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt, desto besser wird er sich den einzelnen Wehwehchen bewusst. Seine Schmerzen im Kopf und Rücken bläst er gemeinsam mit Alberto mit Heroin weg.

Die Rückblenden strahlen einen Hauch von Nostalgie aus, wogegen es der anderen Geschichte an originellen Überraschungen fehlt. Banderas spielt seine Rolle mit dem nötigen Ernst und einem Schuss Ironie als Junkie. Hier dringt leichter Spott gegen alle Künstler durch, die scheinbar nur durch den Konsum von Drogen kreativ sind. „Dolor y gloria“ ist sicher nicht der beste Almodóvar, aber wegen der interessanten Mischung aus Vergangenheit und Gegenwart doch sehenswert.