LUC SPADA

Wer hat Angst vor dem leeren Ich?

Das Glas halb voll, halb leer, ein bisschen Leben für den Optimisten, ein bisschen Hoffnungslosigkeit für den Pessimisten.

Morgen ist Mittwoch, jede Woche, im Schnitt vier Mal pro Monat. Ist morgen Mittwoch, ist heute Dienstag, im Schnitt vier Mal pro Monat.

Jeden Mittwoch geht der Optimist um 8.00 zur Arbeit, die normale Arbeit, die Arbeit, die dich am Ende oder am Anfang des Monats mit Geld, deinem Gehalt, belohnt. Das ist sicher, dein Konto, wenn es am Ende des Monats leer ist oder nur noch halb voll, wird aufgefüllt, im Schnitt ein Mal pro Monat. Und die Arbeit macht auch wirklich Spaß, klar, es könnte besser sein, aber es könnte doch immer besser sein, man soll sich nicht beschweren. Uns geht’s doch eigentlich ganz gut, und wir wissen es doch alle, weil es uns doch eigentlich ganz gut geht, muss es anderen auch schlechter gehen. Das darf man nie vergessen. Was hat Darwin nochmal gesagt? Vielleicht ist da ja was dran.

Der Pessimist muss um 8.00 zur Arbeit, diese schreckliche Arbeit, die Arbeit, die dich am Ende oder am Anfang des Monats mit viel zu wenig Geld, deinem mickrigen Gehalt, beleidigt. Das ist natürlich wieder klar, dein Konto, wenn es am Ende des Monats leer ist oder wie immer mal wieder halb leer, wird es nur etwas aufgestockt, nie genügend, es reicht nie, im Schnitt ein Mal pro Monat. Und die Arbeit macht auch wirklich keinen Spaß, der Chef könnte kein größeres Arschloch sein und immer dann, wenn man denkt, schlimmer geht nimmer, geht es immer noch ein bisschen schlimmer, man kann sich eigentlich nur noch beschweren. Denen da oben geht es immer blendend, und wir wissen es doch alle, dass wir die Dummen sind, wir werden nur verarscht. Da kann es uns doch nur schlecht gehen. Wie sagt mein Nachbar doch immer? Nur weil es denen in Afrika nicht gut geht, heißt das nicht, dass es uns nicht auch schlecht gehen darf.

Ich war gestern mit einem Optimisten und einem Pessimisten essen, wir kannten uns aus der Schule. Der Pessimist betrügt seine Freundin, aber er glaubt „sie fickt auch rum“, aber er will das nicht, „die verliebt sich bestimmt“. Er weiß, dass sie es weiß, aber er weiß, dass sie ihm nicht sagt, dass sie es weiß. Sie erwarten bald ein Kind. Dann ist sie beschäftigt, vielleicht tut das der Beziehung doch auch ganz gut. Der Optimist versucht dem Pessimisten zu erklären, dass er eine komische Vorstellung von Welt, Leben, Frauen, Job, hat, „du hast gut reden“, erwidert der Pessimist, mit deinem Job, dein Chef behandelt dich ja auch gut. „Kündige doch“, meint der Optimist. Der Optimist hat gut reden, so Pessimist. „Und du so?“, schauen die beiden mich an. Ja, ich, ich, geht schon. Ich bin doch Künstler.