Auf den Inhalt kommt es an: Diese Binsenwahrheit trifft auf vieles zu, in Luxemburg hat man sie in jüngster Vergangenheit in kulturpolitischen Kreisen wieder entdeckt. Kulturhäuser werden keine neuen mehr aus dem Boden gestampft; die bereits bestehenden sollen mit mehr Inhalt gefüllt werden. Jene Kulturhäuser, die sich anhand eines innovativen Programmkonzepts ihren alltagsgrauen 08/15-Kultur-Mantel frühzeitig abgestreift haben, erarbeiteten sich in den letzten Jahren ein für Experimente offenes Publikum. Für die Trittbrettfahrer - also all jene, die importierte, verzehrfertige Durchschnittsproduktionen aus dem Ausland auftischen, dürfte es in Zukunft noch schwieriger werden, sich ein Stammpublikum anzulachen.

Ich frag mich nämlich zunehmend, unter welchem Sitzplatz das potenzielle Publikum sich versteckt, das in zehn oder zwanzig Jahren den Veranstaltungen beiwohnen soll. Junge Bürger zu kulturell interessierten Zeitgenossen zu formen ist nicht unbedingt die Paradedisziplin des luxemburgischen Bildungssystems. Kultur sei die große Abwesende in unseren Schulen, ließ ein von mir hoch geschätzter Kulturmanager einmal am Rande einer Podiumsdiskussion verlauten. Eine Aussage, die durchaus polarisiert, sich bei genauerem Hinsehen aber als begründet erweist. Abgesehen vom obligaten Kunstunterricht kommen die meisten Schüler - begrüßenswerte Ausnahmen gibt es immer wieder - mit Kultur wenig in Berührung. Die Ausnahmen sind u.a. die Schülervorstellungen des Hollericher CarréRotondes, das seit Jahren schon auf Kinder- und Jugendprojekte setzt oder die Spezialveranstaltungen, die ab kommender Woche im Rahmen des Discovery Zone-Festivals stattfinden. Wenn Kunsterziehung im öffentlichen Bildungssystem zu einem Randphänomen degradiert wird, müssen also die Erziehungsberechtigten zur Tat schreiten. Aber genau hier nehmen viele ihren Erziehungsauftrag nicht ganz ernst. Kulturveranstaltungen erweisen sich dann als Publikumsmagnet, wenn die Eltern ihre Kids am Samstagnachmittag für zwei Stunden im Theaterworkshop oder im Ballettunterricht abliefern können. Wehe, ein Konzerthaus oder ein Programmkino organisiert Konzerte oder Filmprojektionen, zu denen das Jungvolk in Begleitung eines Erwachsenen erscheinen muss.

Dann sieht man oftmals vor lauter leeren Stühlen die wenigen Zuschauer nicht. Es klingt paradox: Während das Angebot an maßgeschneiderten Kinderprogrammen in den letzten Jahren zugenommen hat, scheint die Anzahl derjenigen, die wirklich den Weg ins Theater oder das Kulturhaus finden, zu stagnieren. Logisch, es ist für die Erziehungsberechtigten einfacher, den Nachwuchs vor den XL-Fernseher zu setzen, anstatt mit ihm in die Philharmonie zum Violinkonzert zu fahren. Angesichts des kulturellen Desinteresses vieler Eltern bleiben nur noch die Schulen übrig, die es schaffen könnten, Kinder und Jugendliche zu Kulturbürgern zu erziehen. Dazu bedarf es aber eines massiven Umdenkens innerhalb des Bildungsministeriums. Denn überfrachtete Stundenpläne, auf denen kein Platz für Kulturprojekte ist, können nicht ewig als Ausrede herhalten.