Das Geheul über die Entscheidung von Amnesty International, sich für die Entkriminalisierung der Prostitution einzusetzen, ist unerträglich. Eine merkwürdige Koalition von Mutter Kirche bis zu Alice Schwarzer sitzt auf dem ganzen hohen Ross und nimmt übel. Ihr moralischer Zeigefinger soll uns die einzig wahre Richtung weisen - ob nun im Namen des nicht vorhandenen Herrn oder aus der Überzeugung heraus, dass das Ypsilon-Chromosom eine bösartige Mutation ist.
Wieder einmal geht Glauben vor Vernunft. Wobei Vernunft heißt, auf institutionalisierte Lustfeindlichkeit zu verzichten und das Beste draus zu machen. Was bringen Verbote? Fast nichts. Sie fördern in erster, zweiter und dritter Linie die Kriminalität. Als sich in den USA vor hundert Jahren die Abstinenzler mit ihrem Alkoholverbot durchsetzten, freute sich das organisierte Verbrechen. Der Alkoholschmuggel wurde für Jahre zu einer mörderischen Goldgrube. Zu sehr sorgte die Sehnsucht des braven Bürgers nach Sprit für glänzende Geschäfte. Die Polizei sah lange hilflos zu. Ruhe trat erst ein, als man den Alkohol wieder freigab.
Sozialversicherte Prostituierte und zugelassene Bordelle bieten immer noch die größte Chance, den Menschenhandel mit Frauen einzudämmen. Sex-Arbeit zum normalen Beruf zu machen, ist mit Sicherheit der bessere Weg, als die kafkaeske „schwedische Lösung“. Wo eine Nachfrage ist, ist auch ein Angebot. Ist die Welt untergegangen, als die Polizei damit aufhörte der harten Pornografie hinterherzujagen? Bevor mich jemand bewusst falsch versteht: Damit ist weder die Freigabe von Kinder- noch von Snuff-Pornographie gemeint.
Ähnlich vernagelt wie die Prostitutions-Debatte ist der Kampf um die Freigabe von Drogen. Dass die Entkriminalisierung von Cannabis nicht zu Horden von Bekifften führt, die willenlos durch die Straßen taumeln, zeigen die Beispiele der Staaten, die es leid waren jeden Hanfstrauch als Straftat zu verfolgen. Ob der Homo sapiens ein Recht auf Rausch hat, mag eine ethische Diskussion sein, dass er aber eine Sehnsucht nach Räuschen hat, ist eine schlichte Binsenweisheit. Warum dann diese Räusche, ähnlich wie beim Alkohol, nicht kanalisieren?
Ist der pathetische „War against drugs“ zu gewinnen? Experten sagen „Nein!“ Selbst bei harten Drogen ist eine Freigabe überlegenswert um den Kartellen, die ganze Staaten beherrschen, das Wasser abzugraben .
Wenn Drogenhandel verboten ist, warum stehen dann jeden Abend Kleinhändler auf der Straßburger Straße und vertreiben dort ihre pharmazeutischen Produkte? Weil die Polizei nicht mehr hinterher kommt! Was wäre falsch daran, wenn sich der gestresste Banker seine Muntermacher für die abendliche Party direkt in der Apotheke kauft? Nichts, aber die angebliche Fürsorgepflicht der Gesellschaft lässt das nicht zu. „Der Mann darf sich doch nicht seine Gesundheit ruinieren!“ Warum nicht? Solange es nur seine eigene ist.
Heute ist der sanfte Fürsorgefaschismus die gängige Doktrin: Rauchverbot, Lebensmittelampel, Warnung vor Fleisch, Warnung vor Milch, Grillwurst ist krebserregend, Cholesterin bringt dich um, Zucker ist gefährlich. Da fallen Warnungen vor Drogen nicht mehr auf.
War der Mensch nicht mal selbstbestimmt? Nur selber Denken macht schlau.


