LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR/JEK/DO

Legendärer RoofTop-Gig

„Das war’s. Ich bin kein Beatle mehr“, verkündete George Harrison am 29. August 1966 beim Verlassen des „Candlestick Park“ in San Francisco. Es war der Abschluss einer Welttournee und sollte tatsächlich der letzte Auftritt der „Fab Four“ vor einem zahlenden Publikum sein. 33 Minuten – elf Songs lang - hatte das Konzert vor 25.000 Zuschauern gedauert. Ganz vorbei war das Beatles-Abenteuer damals zum Glück nicht. Einige Monate später, im Mai 1967, erschien das Meisterwerk „Sgt. Pepper’s“. Im November 1968 folgte mit dem „White Album“ ein weiterer Geniestreich.

Am 30. Januar 1969 waren John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr dann ein letztes Mal live zu hören, vom Dach ihres damaligen Studios an der Savile Row unweit des „Piccadilly Circus“ aus. Nur Passanten und einige wenige geladene Gäste  kamen in den Genuss dieses legendären Rooftop-Gigs (mit Billy Preston am E-Piano), der für den Dokumentarfilm „Let It Be“ mit der Kamera festgehalten wurde. Oben auf dem Dach wehte ein kräftiger Wind. Kühl war es auch. John Lennon hatte deshalb kurzerhand die Pelzjacke seiner Frau Yoko Ono übergezogen, und Ringo Starr saß im knallroten Regenmantel an den Drums.

„Es war schon ein seltsamer Auftrittsort. Außerdem hatten wir dort oben kaum Publikum, nur ein paar Leute. So spielten wir buchstäblich das Nichts an. Vor uns war nur der Himmel. Es war schön“, erinnerte sich Paul McCartney später in einem Interview. Nach 42 Minuten war der letzte Auftritt der Pilzköpfe Geschichte, nicht aber ihre Karriere. Die Beatlemania hält bis heute an.

Ein Teil Popkultur|Auch Luxemburg war nicht vor dem Erfolgszug sicher

Auch am Großherzogtum ging die Kultband nicht spurlos vorbei. Die Beatles liefen im Radio, verkauften Platten, Erinnerungsstücke, machten Geschichte. Vermutlich auch sehr zum Leidwesen der älteren Generationen, die für den neuen Lärm - damals wie heute - noch nie Verständnis hatten. Zwar landeten die famosen Vier nie auf dem „Findel“, wo sie von kreischenden Fan-Horden begrüßt wurden, auch Konzerte gab es keine. Trotzdem hält sich der Kult bis heute wacker, regelmäßig gibt es Fan- und Tribut-Konzerte (etwa von den „Bootleg Beatles“ in der Rockhal) und die meisten Haushalte dürften über Beatles-Musik in ihrem Inventar verfügen.

Wie kam das Phänomen der Kult-Band in Luxemburg an? „Hierzulande gab es grob überschlagen drei Lager“, erklärt Camille Muller, der sich selbst als „Beatles“-Nachzügler (Jahrgang 1969) bezeichnet. „Einerseits den englischsprachigen RTL-Hörer, der stärker auf der ,Hippie-Welle‘ ritt, zum anderen den Elvis-Fan, der keine neuen Hits erlaubte, sowie die damalige ,alte Generation‘, für die das alles Quatsch war“, meint Muller. „Insgesamt kam auch in Luxemburg aber wohl keiner so recht um die Beatles herum.“

Was die Faszination ausmachte und was die Beatles von anderer zeitgenössischer Musik unterschied, ist denn auch ebenso schnell erklärt: „Es waren einfach vier grundverschiedene Charaktere“, weiß Muller. „Beim Reinhören lernt man sukzessive McCartneys Balladen, Lennons Rock und Harrisons Vorliebe für das Indisch-Spirituelle kennen.“ Auch durch die unterschiedlichen Vorgeschichten der vier Bandmitglieder sei die Band speziell, ebenso wie durch die verschiedenen Phasen, die sie durchlaufen hat - „das kann man durchaus frühe und späte Beatles nennen“, meint Muller.

Hinzu komme der Einfluss des Producers George Martin - für Muller ganz klar „der fünfte Beatle“, der sich in der zweiten Karrierehälfte bemerkbar machte. Zuletzt sei ein guter Teil der Melodien und Ideen zeitlos klassisch. „Eine ältere Dame meinte einmal zu mir, sie habe ,Yesterday‘ schon im Krieg gehört“, sagt Muller. So hätten sich die Songs mit der Zeit vom Evergreen zum zeitlosen Klassiker entwickelt. „Sie werden ja noch immer gecovert, das muss etwas heißen“, ist er sich sicher.

Sammlerstücke satt

Musik-Liebhaber und Gitarrensammler Luc Henzig sieht das ähnlich: „Die Beatles waren viele Dinge auf einmal: Sie waren Berühmtheiten, Stars, waren begnadete Songschreiber und Komponisten und nicht zuletzt faszinierende Menschen“, meint er auf die Frage nach den Besonderheiten der Beatles. „Man braucht sich nur die Aufnahmen der damaligen Zeit anzusehen - auf Flughäfen, die massenhaften Schwächeanfälle bei Konzerten - um zu verstehen, warum ,Beatlesmania‘ als Begriff durchaus angebracht ist.“

Eine ganze Generation sei von der Musik einer einzigen Band dermaßen beeinflusst worden - und sei dies auch heute noch. „Die Beatles haben nicht nur die Musik verändert, sondern auch die Art und Weise, wie Musik gemacht wird“, weiß er. So sei allein das „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“-Album eine beispielhafte Platte, die selbst von anderen Größen wie Frank Zappa kopiert worden sei. „Man braucht sich nur vor Augen zu führen, wie viele Revival-Bands es gibt - auch hierzulande“, weiß Henzig. Außerdem verstanden die Beatles das neue Format der Single so gut wie kaum eine andere zeitgenössische Band und sahen sich (mit Recht) als vollwertige Künstler.

Henzig hat aber als Musikfan mehr als nur eine Meinung über die Beatles. Er ist auch im Besitz eines echten Beatles-Reliktes: Ein indisches Gewand, das George Harrison vom Sitar-Spieler Ravi Shankar geschenkt bekam, als dieser ihm das Spielen auf der Sitar beibrachte. „Ich besitze außerdem eine von Harrisons Gitarren und einen Gitarrengurt in meiner Sammlung - ein Stück Geschichte“. (DO)

Die Beatles sind mehr als nur eine Band, sie sind eine Marke

Ikonische Rebellen

Dass die Beatles bis heute eine echte Marke sind, ist die Konsequenz einer gut durchdachten und durchgeführten Vermarktung der Band. Denn ikonisch ist neben den Liedern, von denen einige mehr als 50 Jahre alt sind und viele immer noch nitgesungen werden können, auch das Aussehen der vier. Ihre Anzüge samt Krawatten und weißen Hemden, die berühmten „Beatle Boots“ sowie die Pilzkopf-Frisuren sind fest in das popkulturelle Gedächtnis der Menschheit eingebrannt. Sie alleine sind bereits eine Bildmarke und stehen symbolisch für die Band. Der Begriff Pilzköpfe für die Beatles unterstreicht dies. Aber auch, als sie später experimentierfreudiger wurden und ihr Aussehen änderten, die Haare länger und die Anzüge bunter wurden, gelang es der Band erneut ein ikonisches Bild zu erzeugen. Sie prägten mit ihren Looks vor allem die Mode der 60er Jahre sowie eine gesamte Generation. Zu ihrer Popularität trugen auch Filme wie „A Hard Day’s Night“ bei. Hier steuerte die Band nicht nur den Soundtrack bei. Die vier waren auch die Hauptdarsteller. Sie spielten sich selbst und zementierten dabei ihre jeweiligen Charaktere: John, der Rebell, Paul, der Charmante, George, der stille Philosoph, Ringo, der Spaßmacher. Sie wurden fast schon zu eigenen Marken, was auch dazu beitrug, dass besonders John und Paul als Solokünstler Erfolg hatten. Wobei vor allem John einen doch recht krassen Image-Wandel durchmachte, der seine Marke, den Mythos John Lennon zusätzlich befeuerte. Seit dem Durchbruch der Band haben die vier nicht nur zahllose Poster und Cover von Magazinen geziert. Selbst auf Alltäglichem wie Taschen, Trinkbechern oder Socken findet man die Beatles. (JEK)