LUXEMBURG
SVEN WOHL

In der aktuellen Krise wird gerne in der Schatzkiste großer Begriffe gekramt. Solidarität, Menschlichkeit, Hoffnung – all dies sind Wörter, die Hochkonjunktur feiern. Leadership ist ein weiteres, doch eines, was für Kopfzerbrechen oder gar akute Enttäuschungen sorgt.

Rückblickend hatte man es in den vergangenen Dekaden hier leichter. Zumindest dem Anschein nach. Im Kalten Krieg orientierte man sich entweder an den USA oder Moskau. Danach waren es die USA, die in unseren Gefilden oft genug die Anführerrolle übernahmen. Schaffte es Bush, diese Tendenz zum Wackeln zu bringen, brachte Trump das Konstrukt zum Einsturz. Und zündelt nun mit dem Streichholz, nachdem er die Trümmer mit Benzin überschüttet hat.

Die aktuelle Krise verdeutlicht, wie unfähig die USA unter diesem Präsidenten sind, ein Vorbild für den Rest der Welt darzustellen. Die Zahl der Infektionen und Todesfälle, die abstürzende Wirtschaft – all dies Symptome der Krankheit namens Populismus. Lösungsansätze, die vor Mut und Innovation nur so strotzen, bleiben aus. Irrsinn, Paranoia und Kopflosigkeit herrschen vor.

Dabei ist Trump bemüht, mit dem Finger auf andere zu zeigen. China, die WHO, die Demokraten, die Beamten im eigenen Gesundheitswesen. Alles eine Verschwörung. Alles wie gehabt. Dass Großbritannien in dieser Hinsicht nicht wesentlich besser dasteht, kann man sich schenken. Doch jedes Ausbleiben von Leadership schafft ein Vakuum. Und das will gefüllt werden. Die Befürchtung, dass China in dieses Vakuum treten würde, blieb zum Glück größtenteils unerfüllt. Stattdessen sind sich die internationalen Beobachter zumindest ansatzweise einig, dass die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammen mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron diese Rollen übernehmen. Das Binom Frankreich – Deutschland könnte maßgebende Impulse für Europa spenden, wenn die Ankündigung eines ambitiösen Hilfepakets für die EU-Mitgliedsstaaten diese Woche mustergültig sein sollte. In Abwesenheit einer direkt und energisch in Erscheinung tretenden Führungsperson aus Brüssel sollte dies als gutes Signal gewertet werden.

Doch zurück zu den Begriffen: Soft Power, diese ominöse Mischung aus Kultur, Relevanz und Image, die sich nicht eindeutig beziffern lässt, ist eines jener Aspekte, bei denen die USA seit 2016 stark eingebüßt haben. Großbritannien hat seinen Einfluss auf Europa selbst eingegrenzt, weshalb den beiden wichtigsten Wirtschaftsmächten und Kulturnationen Europas scheinbar nichts anderes mehr übrig bleibt, als diese Positionen zu besetzen. Wenn wegen der Corona-Krise oft die Rede von einer beschleunigten Digitalisierung die Rede ist, wird dieser Aspekt zu gerne ausgeklammert.

Die Unfähigkeit von Populisten, mit der Krise umzugehen, entblößt die Substanzlosigkeit dieser politischen Figuren. Der Rückzug in die Verschwörungstheorien, die konstante Suche nach Sündenböcken und das ewige Hadern – all dies kennt jeder bereits aus der Klimakrise. Doch Corona komprimiert das Geschehen und unterstreicht das desaströse moralische Defizit menschenverachtender Ideologien. Die hohe Zahl an Toten wird den Schlusspunkt setzen.