FRANKFURT AM MAIN
ISABEL SPIGARELLI

Schüler der Sektion A blicken mit wenig Hoffnung in die Zukunft

Den Lesern, die Literatur studiert haben oder noch dabei sind, dürfte folgende Aussage bekannt vorkommen: „Was willst du denn damit später machen?“ Lautet die Antwort auf diese Frage nicht „An einem Gymnasium unterrichten“, wird sie meist belächelt und als naiv empfunden. Die Schüler und Schülerinnen der Literatur-Klasse des „Lycée Michel Rodange“ werden wiederholt mit kritischen Meinungen zu ihrer Studienwahl konfrontiert. Es zeigt sich, dass der Pessimismus der Gesellschaft gegenüber den Geisteswissenschaften auf die Jugend abfärbt. Eine Jugend, die dem gedruckten Buch und der Literatur, entgegen aller Vorurteile, sehr verbunden ist, wie sich bei unserem Gespräch mit den Schülern herausstellte.

Reichtum als Lebensaufgabe

„Im Leben geht es darum Geld zu verdienen und da hilft einem ein Literatur-Studium nicht weiter“, gibt Anne-Sophie den Hinweis ihrer ehemaligen Lehrer und einiger ihrer Mitschüler wieder. Die Jugendliche schildert, dass das Personal den Schülern vorwiegend die Lehre der Wirtschaft und der Naturwissenschaften ans Herz legt - immer mit der Begründung damit könne man im Berufsleben besser Fuß fassen und sich ein hohes Einkommen sichern. Sie selbst entschied sich dennoch für Literatur und Sprachen, selbst, wenn sie nicht vorhat Lehrerin zu werden. Die Entscheidung schreibt sie unter anderem der Unterstützung ihrer Sprachlehrer zu: „Die bemühen sich darum, dass wir uns nicht unterkriegen lassen.“ Die Mehrheit des Lehrpersonals und der Eltern reagiert jedoch ablehnend auf die Wahl der „Section langues vivantes“. Grund für die Entrüstung sind das Ausbleiben des Mathematikunterrichts und die Tatsache, dass die schweizerischen Universitäten die Bewerbungen betreffender Schüler ablehnen.

Anne-Sophie und ihre Klassenkameraden sind sich allerdings einig: Sie beabsichtigen sowieso kein Studium in der Schweiz. Einige ihrer Freunde ließen sich einschüchtern und haben sich widerwillig für eine andere Sektion entschieden, auch um den Erwartungen der Eltern gerecht zu werden.

Verfechtung eines totgeglaubten Mediums

Immer öfter werden Stimmen laut, die behaupten die Teenager seien nicht an Büchern und Literatur interessiert. Junge und alte Buch-Liebhaber müssen sich ständig anhören E-books würden den Büchermarkt in den kommenden Jahren dominieren. Scheinbar sind es ausgerechnet die angehenden Abiturienten, die ein solches Horror-Szenario für eine Lüge halten. Die meisten besitzen zwar ein E-Book, kaufen aber trotzdem regelmäßig gedruckte Bücher. „Bücher sind für mich ein Rückzugsort. Der Geruch, das Gefühl das man beim Blättern hat, die Möglichkeit seine Gedanken an den Rand zu kritzeln - das sind Erlebnisse die einem ein E-book nicht ermöglicht“, erzählt Hannah. Auch diesbezüglich herrscht in der Klasse Einstimmigkeit. E-Books ermöglichen wohl ein schnelleres Arbeiten, eignen sich besser für Reisen und sind im Grunde auch eine tolle Erfindung, doch ist der Charme des Buches unschlagbar. Die Schüler empfinden die physische Präsenz einer Geschichte als besonders bereichernd. „Ich schaue mir oft meine Bücher an. Es macht Spaß nachzuverfolgen was man schon alles gelesen hat“, berichtet Clara. Trotz der Lobrede auf das Printmedium bleibt eine Frage offen: Welchen Beruf streben die Verfechter des Gedruckten an?

Einzige Hoffnung: Unterrichten

Es offenbart sich recht schnell, dass die Ablehnung ihres Umfeldes Spuren hinterlässt. Anne-Sophie kennt viele junge Menschen, die sich für Literatur interessieren. Nur die wenigsten wagten sich aber an die entsprechende Klasse heran. Bis auf ein paar Ausnahmen begründen alle ihre Bekannten ihre Entscheidung mit der Angst vor der Arbeitslosigkeit. Erschreckend, wenn man bedenkt, dass es sich dabei um Sechzehnjährige handelt, deren Realismus schon fast weh tut. Die befragten Jugendlichen hielten ihre Berufswünsche, unter denen sich mitunter Tätigkeiten im journalistischen und schriftstellerischen Bereich befinden, für eine Utopie. Niemand möchte den Beruf des Lehrers ausschließen. Nicht aus Leidenschaft, sondern aus Verzweiflung und Angst vor einer mittellosen Zukunft.