LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Ultraleichte Fahrzeuge mit niedrigem Verbrauch, Haushaltsgeräte oder Medizinhilfen: Leichtbau kann die Industrie diversifizieren und revolutioneren

Die Türverkleidung ist aus Flachs, die Mittelkonsole und das Armaturenbrett aus Rayon, die Türgriffe aus Basalt und die Außenhaut aus Glasfaser - allesamt in Leichtbauweise mit Harz verstärkt. Deshalb würde es die Ultra-Leichtbauprojektstudie „Dea“ auf weniger als 900 Kilogramm bringen. Und wäre doch ein beeindruckend futuristisches Fahrzeug mit minimalem Verbrauch und der Fahrdynamik eines High-end Sportwagens; nicht zuletzt dank des niedrigen Gewichts. Sie könnte schon bald Wirklichkeit werden - und vielleicht sogar auf der Weltausstellung in Dubai für Staunen sorgen.

So jedenfalls stellen es sich die Macher vor. Claude Maack und Rainer Kurek haben deshalb im vergangenen Monat das Unternehmen „xFK in 3D“ gegründet. Es steht für beliebige Kombinationen (x) von Fasern (F) und Komponenten (K), die zu räumlichen Strukturen verwirkt werden. „Ultraleichtbau“, sagt Kurek, „ist die Mobilität der Zukunft.“ Leichtbau könne man nicht als Produkt verkaufen, fügt Maack hinzu. „Es ist jedoch unbestritten der kleinste gemeinsame Nenner für alle Bereiche der Mobilität, wo Massen bewegt werden.“

Erfahrung in der Industrie

Maack und Kurek sind gestandene Geschäftsleute, die wissen, wovon sie reden. Maack ist Generaldirektor von Gradel in Ellange und arbeitet schon seit Jahrzehnten für die Industrie. Für Airbus entstehen maßgefertigte Satellitentrolleys, für die Glasindustrie stellt er Sonderanfertigungen her und auch Geräte zur Instandhaltung oder zum Rückbau von Kernkraftwerken gehören zum Portfolio. Kurek wiederum berät mit seinem Unternehmen „Automotive Management Consulting GmbH“ vor allem die Automobilindustrie; darunter alle großen Namen. Kurek brachte die Technologie mit, Maack sorgte für ihre Industrialisierung. Für beide ist Leichtbau die Zukunftstechnologie schlechthin - für die es zahlreiche Anwendungen gibt.

Maack zeigt beispielsweise ein Exoskelett, eine stützende Außenstruktur, wie sie möglicherweise Schwerstbehinderte stützen könnte.

Was nach ein paar verstärkten Bastfäden aussieht, ist tatsächlich extrem belastbar und hält im Zweifel das Gewicht eines Pkws aus. „Gleichzeitig ist es flexibel und verhindert so eine Schädigung“, betont Maack. „Die Festigkeit können wir im übrigen einstellen.“ Eine Münchner Klinik ist bereits sehr interessiert. Ein basaltverstärkter Griff interessiert Vorwerk als Griff für Handstaubsauger, deren Gewicht so reduziert werden kann. Bei der Raumfahrt könnte ein Leichtbau-Element für weniger Gewicht und somit mehr Schub sorgen. Die „Luxembourg Space Agency“ unterstützt Gradel bei der Qualifikation der Prozesstechnologie „xFK in 3D“ für der Raumfahrt. Aus dieser konkreten Zusammenarbeit heraus sind die Ideen für eine Ausdehnung der Technologie auf anderen Bereiche erst geboren.

Die interessanteste Anwendung sehen die beiden Leichtbau-Spezialisten jedoch im Automobilbereich. Hier hat Kurek schon etwas vorzuweisen. Schließlich fahren Hypercars, jene experimentelle Kategorie, schon mit Leichtbau-Modellen. Und eines davon hat gewonnen - das von Kurek.
Der fährt selbst seit 2004 einen „Kurek GT 6“ in Leichtbauweise, mit dem er auch mal Flitzer großer Namen auf der Autobahn hinter sich lässt. „Gewicht ist halt entscheidend“, lächelt Kurek.

Er hat Anfragen aus Indien, wo leichte Tuktuks mit E-Motor für sauberere Luft sorgen sollen, aus Saudi-Arabien, wo man sich auf das Ende des Erdöls vorbereitet, oder aus dem deutschen Wirtschaftsministerium. Letzteres hat ein länderübergreifendes Programm aufgelegt, um Leichtbau zu fördern. Besonders im Fokus: Der Einsatz von regenerativen Materialien wie Flachs oder Rayon. Dafür stehen mehrere Millionen Euro bereit. Auch das Luxemburger Wirtschaftsministerium ist interessiert. Hochrangiger Besuch ließ sich gestern vor Ort die neuen Entwicklungen erklären. Auch die LSA hatte einen Mitarbeiter geschickt, um sich zu informieren.

Denn Gradel hat einen einzigartigen „Wickelroboter, der Materialien wie Karbon, Bast, Flachs, Basalt oder Glasfaser unter genauer Dosierung des härtenden Harzes zu den gewünschten Formen in 3D verarbeiten kann. „Der Roboter ist in Europa einzigartig. Wir können bis zu 4 m³ gehen“, unterstreicht Maack. „Und das bei null Verschnitt und einer genauen Einstellung der Steifigkeit.“

Grundlage der Diversifizierung: Dea statt Tesla

Für Maack kann der Leichtbau die Grundlage einer Diversifizierung der Wirtschaft sein. Für ihn ist es gut vorstellbar, dass die mit 2,5 bis 3 Millionen Euro Entwicklungskosten veranschlagte Automobilstudie schon morgen der neue Tesla ist: Das gefragte Statussymbol, das für Umweltbewusstsein und Innovation steht. „Leichtbau lässt sich mit verschiedenen Antrieben kombinieren“, betont er. Es geht um Ressourcenschonung und Reduzierung der Primärenergie, egal ob Verbrenner, elektrisch oder Wasserstoff. Derzeit arbeitet Gradel verstärkt  mit dem „Luxembourg Institute of Science and Technology“ (LIST) zusammen, das Tests und Verfahren für Produkte der Luft- und Raumfahrtindustrie entwickelt hat. „Leichtbau kann die Industrie grundlegend verändern“, ist Maack überzeugt. „Das betrifft viele Bereiche und ist weltweit ein Milliardenmarkt.“ Den will er aus Luxemburg bedienen.

Leichtbau-Symposium

Fach-Seminar

Am 11.09.2020 findet in Kasel rund 10 km von Trier entfernt das Fachseminar „Weinbau inspiriert bionischen UltraLeichtbau“ statt. Namhafte Redner äußern sich zur Technologie, branchenübergreifenden Trends und Matchmaking ermöglicht es, interessante Partner zu treffen. Dort präsentiert AMC die Markt- und Technologiestudie „Composites in 3 D – wie sicher in die Zukunft?“. Anwendungsorientierte Lösungen werden vorgestellt. Was sich aus der Natur und insbesondere dem Rebstock lernen lässt, zeigt sich ebenfalls. Nicht zuletzt deshalb findet das Seminar im historischen Dominikaner-Weingut Pauliner Hof im Ruwertal statt, das auch eine Verkostung anbietet. Die Tagesveranstaltung schließt mit einem Barbecue, Degustation zu Beethoven-Musik live und einer Weingutbesichtigung. Wegen COVID-19 ist die Teilnehmerzahl stark beschränkt.  
Kontakt: constanze.nell@automotive-management-consulting.com