Fotografen seien die schwierigsten Menschen, die man als Filmemacher porträtieren könne, betont Wim Wenders während er seinen Freund und Kollegen Sebastião Salgado am Ufer eines fast ausgetrockneten Flussbetts filmt. Nicht etwa ob ihres Berufes oder ihrer Berufung, sondern weil sie während des Drehs die eigene Kamera einsetzen können, um den Regisseur bei der Arbeit abzulichten und so binnen eines kurzen Augenblicks die Rollenverteilung durcheinander wirbeln. Diese Szene spielt sich im ersten Viertel des außergewöhnlichen und sehr persönlichen Dokumentarfilms „The Salt of the Earth“ ab, mit dem Wenders und Salgados Sohn Juliano Ribeiro dem brasilianischen Starfotografen ein filmisches Denkmal setzen.
Wenders und Salgado junior beginnen den Film mit Fotos aus dem „Workers“-Bildband, auf denen der Brasilianer schwer schuftende Arbeiter in einer Goldmine festhält. Die Off-Stimme des Deutschen begleitet den Zuschauer beim Durchblättern des Buches, dessen schwarz-weiße Fotos auf der Leinwand in bestechender Schärfe erscheinen. Anhand zweier Fotos schildert Wenders, wie er auf das Werk Salgados gestoßen ist, um dann kurz die Entstehung des Filmprojektes sowie die Zusammenarbeit mit seinem Koregisseur Juliano zu resümieren.
Pointierte Kommentare
In „The Salt of the Earth“ steht weniger die Freundschaft zwischen einem Ausnahmefotografen und einem Ausnahmeregisseur im Mittelpunkt, sondern in erster Linie Salgados unermüdlicher Einsatz, die vielfältigen und sehr unterschiedlichen Facetten des Menschseins kunstvoll und würdevoll auf Bildern festzuhalten. Wenders sowie Salgados erstgeborener Sohn gehen sehr chronologisch vor und lassen den brasilianischen Weltreisenden eine Auswahl von Bildern jedes seiner fotografischen Universalprojekte kommentieren. Dessen Aussagen zu den einzelnen Motiven und die darauf zu sehenden Personen charakterisieren sich durch sein außergewöhnliches und sehr intensives Erinnerungsvermögen. Die Ästhetik der Bilder geht oft Hand in Hand mit der Brutalität des Motivs, da Salgado während den 1980ern und -90ern internationale Krisen wie den Balkankrieg oder den Völkermord in Ruanda dokumentierte. Manche Bilder können, untermalt von Salgados pointierten Kommentaren, dem Zuschauer durchaus an die Nieren gehen: Eine verlassene Schule, wo nach einem Hutu-Angriff Menschenknochen die Säle säumen oder tote, äthiopische Kinder, deren Leichen von den Eltern gebadet werden, ehe sie im Massengrab beerdigt werden. Salgado zog sich Mitte der Neunziger auf die elterliche Farm nach Brasilien zurück, da die humanen Katastrophen, denen er in allen Ecken der Welt begegnete, ihm psychisch zugesetzt hatten. Nach einer zehnjährigen Auszeit grub er seine Kamera wieder aus, um sein ultimatives, sehr optimistisches Werk „Genesis“ in Angriff zu nehmen, für das er zum ersten Mal in seiner Karriere Landschaften und Tiere fotografierte.
Wim Wenders und Juliano Ribeiro Salgado liefern mit „The Salt of the Sea“ ein kurzweiliges und sehr packendes Dokumentarwerk ab, das den Zuschauern nicht nur die Arbeit eines der bedeutendsten zeitgenössischen Fotografen näher bringt, sondern ihnen auch Denkanstöße liefert.
Der Film läuft im Utopia


