ANNETTE DUSCHINGER

Er könnte zumindest in die engere Auswahl für den Unworts-Begriff des Jahres kommen: „Leistungsferne Unterschiede“. Sie wurden im nun vorliegenden Ersten Bildungsbericht festgestellt und besagen, dass auf die Entscheidung, welchen Bildungsweg die Kinder nach Abschluss der Grundschule weiterverfolgen, nicht nur die Schulnoten und Testresultate Einfluss haben - der sozioökonomische Status der Eltern und die Nationalität des Schülers beeinflussen auch die Entscheidung. „Es ist also zu vermuten, dass nicht nur die individuelle Leistung des Schülers darüber entscheidet, in welchen Schulzweig er orientiert wird, sondern auch seine Herkunft“, heißt es wissenschaftlich vorsichtig ausgedrückt, aber wenig schmeichelhaft im Bericht. Die Entscheidungen seien „sozial selektiv“.

Dass unser Bildungssystem nicht nur von den programmatischen und sprachlichen Anforderungen her die Kinder, die aus einem luxemburgisch- oder deutschsprachigen Haushalt und aus sozioökonomisch begünstigten Familien stammen, bevorteilt, wissen wir schon seit vielen Jahren. Dass auch noch subjektive Momente des Lehrpersonals einfließen, ist eine neue Erkenntnis. Inwiefern die wohl auch schon in die Benotung und Leistungsbewertung einfließen? Dazu kommt, dass die Entscheidung über den weiteren Bildungsweg sich auf den finalen Schulabschluss des Kindes auswirkt: 94 Prozent der Schüler verbleiben auf dem ihnen zugewiesenen Schulzweig, denn „die Mobilität der Schüler und die Durchlässigkeit des Schulsystems ist als sehr gering einzustufen“, heißt es desweiteren im Bericht. Dasselbe Phänomen zeigt sich bei den Klassenwiederholern: Auch wenn sich die durchschnittlichen Leistungen der Schüler nicht unterscheiden, werden Klassenwiederholungen durch die Faktoren Nationalität und sozioökonomischer Hintergrund wahrscheinlicher. Dazu kommt, dass der Anteil der luxemburgischen Schüler in den letzten zehn Jahren von rund 60 Prozent auf um die 50 Prozent gesunken ist. Da zeigen sich durchaus Parallelen zur Diskussion, wie die politische Partizipation von Ausländern verbessert werden kann. Die Herausforderung, dass sich das Bildungssystem viel mehr auf Schüler mit Migrationshintergrund und auf Schüler aus sozial defavorisierten Schichten einstellen muss, birgt durchaus Zündstoff. Man hört schon die Stimmen laut werden, dass mehr Chancen für die Einen auf Kosten der anderen gehen werden.

Es wird hier wissenschaftlich der persönliche Eindruck bestätigt, dass die Kinder an dem Tag, an dem sie den ersten Fuß in die Schule setzen (bewusst oder unbewusst) in drei Kategorien eingeteilt werden. Grob gesagt: Sie haben mit vier Jahren den Stempel ihres maximal erreichbaren Bildungsabschlusses auf die Stirn gedruckt. Solange solche im wahrsten Sinne des Wortes Vor-Urteile bestehen, wird sich auch die frühkindliche Förderung nicht voll auswirken können. Dass der Bildungsbericht einer breiten Diskussion bedarf, steht außer Frage. Man kann nur hoffen, dass sie sachlich bleibt und im Mittelpunkt steht, wie wir jedem Kind künftig als Individuum begegnen können und es darin unterstützen, sein Potenzial voll auszuschöpfen.

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