LUXEMBURG
COLETTE MART

Die Vorweihnachtszeit sollte nicht nur eine Zeit des Konsums, sondern auch des Nachdenkens sein.

In unseren Kinos lief in diesem Sinne der französische Film „Les misérables“ an, der das Augenmerk auf eine der größten sozialen Wunden Westeuropas lenkt, nämlich die dramatische Situation in den französischen „banlieues“, in denen Menschen mit Migrationshintergrund in einer Atmosphäre der Gewalt und der Rechtlosigkeit leben. Während die europäische Öffentlichkeit in allen Einzelheiten über die Ausgaben von Brigitte Macron beim Friseur informiert ist, und die verheerenden Probleme der „banlieues“ lediglich von weitem, und zwar durch gelegentlich brennende Autos in den Nachrichten mitverfolgt, führt uns der ursprünglich aus Mali stammende Regisseur Ladj Ly an jenen Ort, in dem er selbst aufgewachsen ist. Es handelt sich um Montfermeil im Département Seine-Saint-Denis, also einem Vorort von Paris, in dem es 2005 zu Ausschreitungen kam, als zwei Jungen auf der Flucht vor der Polizei getötet worden waren. 3.000 Menschen wurden damals festgenommen, nachdem das Wohnhaus des Bürgermeisters von Jugendlichen mit Steinen beworfen worden war, und 8.000 Autos gingen aufgrund der Unruhen in Flammen auf.

Mittlerweile erreicht die Revolte in der französischen Gesellschaft das Zentrum von Paris, und auch viele andere Städte Frankreichs. Hier und jetzt drücken die „Gilets jaunes“ ihren Ärger aus über ein Land, in dem jede Nacht Kinder in den Straßen übernachten, die Obdachlosigkeit ganze Familien betrifft, und viele Menschen schlicht und einfach nicht mehr über die Runden kommen, derweil die Unterschiede zwischen arm und reich eher größer werden. Ladja Ly weiß, wovon er spricht, wenn er rivalisierende Banden, Moslembrüder, verwahrloste Kinder und Jugendliche darstellt, und dem Zuschauer eine Welt zeigt, in dem dieser vergeblich die Spuren einer funktionierenden Stadtverwaltung sucht. Keine Spielplätze, keine Parks, keine Grünflächen, keine Städtereinigung. Kinder und Jugendliche spielen im Dreck, rutschen auf kaputten Autoreifen Hügel hinunter und landen im Bauschutt. Hausflure sind vollbeschrieben und werden nie gestrichen, in kleinen Wohnungen leben unheimlich viele Menschen, kleine Kinder lungern in winzigen Zimmern, ohne dass jemand sich um sie kümmert, mit ihnen etwas unternimmt. Zwölfjährige schließen sich in Banden zusammen, beginnen zu stehlen, Drogen zu verkaufen und sich zu prostituieren, und in diesem Milieu können durchaus auch frühere IS-Kämpfer ausgemacht werden, die im Verdacht stehen, über Jahre Menschen geköpft zu haben.

„Les misérables“ stellt eine Welt dar, in der die Grenzen zwischen gut und böse verschwinden, in dem die meisten Menschen zugleich Opfer und Täter sind, und in der die Polizei versucht, eine Kommunikation mit den Ausgeschlossenen aufrechtzuerhalten.

„Les misérables“, ein Titel, der an Victor Hugos Meisterwerk rührt, zeigt, dass Frankreich seit Hugo seine sozialen Probleme nicht gelöst hat, und dass die Kolonialpolitik und die daraus folgende Migration tiefe Graben in der französischen Gesellschaft hinterlassen haben.