LUXEMBURG
SAMUEL HAMEN

Gespräch mit Nora Wagener und Christian van Doorne des Künstlerkollektivs Independent Little Lies über die Veranstaltungsreihe "Impossible Readings"

Die Künstlergruppe Independent Little Lies, kurz ILL veranstaltet heute Abend in der Reihe „Impossible Readings“ eine Lesung, die sich der Annäherung zwischen Film und Literatur verschreibt. Zu zehnminütigen, stumm abgespielten Filmausschnitten lesen fünf Autoren selbstverfasste Texte. Wir haben uns mit zwei Künstlern - Nora Wagener und Christian van Doorne - unterhalten und mit ihnen über ihre Kunstkonzeptionen und die Möglichkeiten experimenteller Performance-Lesungen gesprochen.

Beschreibten Sie bitte kurz das Konzept, das hinter der Reihe „Impossible Readings“ steckt.

Nora Wagener Grob gesagt experimentieren wir mit den Formen der Lesung. Meist geschieht das, indem wir cross-medial arbeiten und den Autoren somit verschiedene Auflagen geben. In der ersten Ausgabe haben wir uns mit Sound beschäftigt. In der zweiten haben wir Experimente mit der Optik und dem Licht gemacht - da kam sowohl die Kerze, als auch das Strobos-kop zum Einsatz. In der dritten Ausgabe wurde von einer Schauspielerin live auf die Texte der Autoren improvisiert. „Impossible Readings IV“ wird sich dem Film zuwenden.

Gehört Ihrer Meinung nach die klassische Lesung mit Tisch und Wasserglas abgeschafft?

Christian van Doorne Ich glaube gar nicht, dass sich die klassische Lesung abschaffen lässt, weil sie pur und direkt ist. Es ist doch ganz normal, dass die Grenzen der Vortragsweise ausgelotet werden. Vor allem in Verbindung mit anderen Kunstgenres versucht man seine eigene Kunstherkunft vielleicht fruchtbarer zu machen.

Wagener Ich denke, jede Art von Lesung hat ihr Publikum. Mit unserem Versuch, alte Formen aufzubrechen und Neues zu probieren, bedienen wir einfach eine andere Zielgruppe.

Haben Sie keine Bedenken, dass bei so starken Filmen wie „Predator“ der eigene Text in den Hintergrund gerät?

Wagener Es geht nicht darum, gegen den Film anzulesen, sondern mit Hilfe des Films eine Lesung zu gestalten, und das wird jeder Autor auf seine Weise lösen: Mal werden die Bilder womöglich präsenter sein, der Text nur eine begleitende Funktion haben, mal wird es umgekehrt sein. Vielleicht wird sogar mit der Diskrepanz Text/Bild gespielt. Es wird auf jeden Fall spannend werden.

van Doorne Jeder Film im Programm hat seine Stärken. Der Film, der ausgewählt wird, macht aber von selbst noch keinen guten Text. Dafür ist der Autor zuständig.

Für welche Filme habt Ihr Euch entschieden?

van Doorne Für „Stalker“ von Andrei Tarkowski, wegen der Poetik seiner Bilder und der Tiefe seiner Dialoge. Ich sehe es als Aufgabe, mich dem Verständnis von Tarkowskis „Stalker“ zu nähern, geistig, aber auch emotional, und die Metaebenen aufzudecken, die in Bildern und Dialogen liegen und was über das Gedachte von dem einen oder anderen Philosophen hinausgeht.

Wagener Ich habe mich für Wes Andersons „Fantastic Mr. Fox“ entschieden. Ein Film der, allein seiner analogen Technik wegen, viel Charisma hat und es fertig bringt auf spielerische Weise ernste Themen zu behandeln.


Die Lesung findet heute um 18:30 in der Cinémathèque in Luxemburg-Stadt statt.