LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Claudia Schneider-Schoo von der „Initiativ Freed um Liesen“ über die Macht des Buchs

Mars Di Bartolomeos Leidenschaft fürs Lesen hat mit Comic-Heften angefangen, bevor er dann alle Karl May-Bücher verschlang. Claude Meisch erinnert sich an schöne Momente mit Petzi und Globi. Astrid Lindgren begleitete Ainhoa Auchutegui durch ihre Kindheit. Anne Brasseur war ein Fan von Enid Blyton. Das verraten sie und andere Persönlichkeiten in dem Buch „Eng Dier an d’Welt“, das die „Initiativ Freed um Liesen“ anlässlich ihres 20. Geburtstags herausgegeben hat. „E Buch mécht Dieren an aner Welten op. E Mënsch, deen net liest, deem feelt eppes“, bringt es Kammerpräsident Di Bartolomeo in seinem Beitrag auf den Punkt. Genauso sieht es auch Claudia Schneider-Schoo, von Anfang an Vorstandsmitglied und seit drei Jahren Präsidentin der Vereinigung. Mit ihr haben wir uns über die vergangenen 20 Jahre, die Gegenwart und die Zukunft - des Lesens natürlich - unterhalten.

Haben sich die Ziele der „Initiativ Freed um Liesen“ eigentlich im Laufe der Jahre verändert?

Claudia Schneider-Schoo Nicht wesentlich. Gegründet wurde die Vereinigung damals von Guy und Lise Linster. Sie wollten ihren Beitrag dazu leisten, Kinder und Jugendliche zum Lesen zu motivieren. Darum geht es uns auch heute noch. Natürlich haben wir unser Tätigkeitsfeld irgendwann erweitert. Selbstverständlich sollen auch Erwachsene noch Spaß am Lesen haben oder diese Lust wiederentdecken. Wir machen eigentlich etwas für alle Alterssparten: Vorträge für Eltern, Seminare für Lehrpersonal und Erzieher, das „Buch am Zuch“, das wir jedes Jahr im Rahmen des Welttags des Buchs herausbringen, Buchvorstellungen im Radio, Lesungen in Schulen und so weiter.

Interessieren sich Kinder denn in Zeiten von Internet und Multimedia noch fürs Lesen?

Schneider-Schoo Das Interesse an unseren Aktivitäten ist immer noch groß. Das spricht ja bereits für sich. Seit rund 15 Jahren organisieren wir beispielsweise in Zusammenarbeit mit dem CNL jedes Jahr die Kinder- und Jugendbuchmesse KIBUM, begleitet von Autorenlesungen, die stets ein großer Erfolg ist. Auch unser Lesespiel „Top 5“ in den Klassen des Zyklus 3.2 kommt gut an. Die Schüler sollen aus 14 vorgeschlagenen Büchern das Lieblingsbuch der Klasse auswählen. Im vierten Schuljahr sind die Kinder in einem guten Alter, wo wir sie also fürs Lesen begeistern können. Vorher ist es etwas früh, weil sie noch nicht so gut lesen können, und danach wird es immer problematischer. Wir fangen jetzt auch wieder mit unserem literarischen Adventskalender auf Radio 100,7 an, das heißt, wir stellen jeden Tag ein Kinder- oder Jugendbuch vor, das dann verlost wird. Bisher ist nie ein Buch liegen geblieben. Das alles zeigt, dass Lesen durchaus noch in Mode ist.

Waren Sie selbst immer schon lesebegeistert?

Schneider-Schoo Ja absolut, schon als Kind war ich eine echte Leseratte. Meine Eltern haben uns Kindern vorgelesen und auch selbst viel gelesen. Bücher haben wir untereinander ausgetauscht. Mit einer Schulfreundin habe ich sogar eine Art Wettbewerb gemacht, wer es schaffte, die meisten Bücher zu lesen. Karl May mochte ich damals besonders. Natürlich waren es andere Zeiten. Es gab nichts anderes. Wir hatten zwar Kino, Radio und Theater, aber natürlich keine Videospiele, kein Internet, kein Smartphone.

Dafür gibt es aber heute auch ein viel größeres Angebot an Kinder- und Jugendliteratur…

Schneider-Schoo Das stimmt, in den letzten beiden Jahrzehnten sind in der Tat viele sehr gute Bücher herausgekommen, die für eine junge Leserschaft interessant sind. Alleine im letzten Jahr wurden beispielsweise in Deutschland 8.000 Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht.

Wie muss ein Buch heute sein, damit sich die Jugend dafür interessiert?

Schneider-Schoo Das ist ganz unterschiedlich. Nicht jeder hat die gleichen Interessen, deshalb gibt es auch für Autoren kein allgemein gültiges Erfolgsrezept. Nun gibt es gewiss bestimmte Buchreihen, die sich gut verkaufen. Es gibt aber sehr viele Serien, wo nur das erste Buch oder die ersten Bücher überzeugen können. Oft werden die Autoren nämlich wegen des Erfolgs von den Verlagshäusern gedrängt, bei diesem Genre zu bleiben und möglichst schnell eine Fortsetzung folgen zu lassen. Das geht dann nicht selten auf Kosten der Qualität. Ein gutes Beispiel sind die Sams-Bücher von Paul Maar. Er hat geschrieben und geschrieben und geschrieben und die letzten Bücher waren einfach nicht mehr gut. Alles musste zu schnell auf den Markt kommen. Was die Jugend anbelangt, so ist es so oder so eine Herausforderung, sie nicht irgendwann als Leser zu verlieren. Manche verlieren die Lust, weil sie Bücher in der Schule lesen müssen. Das liegt nicht einmal unbedingt an den Büchern, es ist nur generell so, dass man etwas, was man für die Schule machen muss, einfach im Allgemeinen weniger gerne tut. Wir schlagen deshalb Bücher vor, schreiben aber niemandem vor, sie zu lesen. Dann ist das bereits eine ganz andere Sache.

Warum ist Lesen denn nun eigentlich so wichtig? Was bringt es, was Fernsehen nicht kann?

Schneider-Schoo (lacht) Also darüber könnte ich jetzt Bücher schreiben. Lesen ist eine Grundvoraussetzung, um sich eine Meinung bilden zu können. Lesen erweitert den Horizont, macht Spaß, nimmt einen mit auf Reisen, erklärt die Welt, regt die Fantasie an und trägt zur Wortbildung bei. Kinder, denen vorgelesen wird und die selbst viel lesen, haben einen ganz anderen Wortschatz und mehr Möglichkeiten, sich auszudrücken, als Kinder, die nicht lesen. Wie positiv sich das auf den späteren Schulweg oder den Beruf auswirkt, muss ich sicherlich nicht erklären. Es ist ganz einfach: Kinder, die lesen, können besser schreiben. Wer sich einen Film oder eine Reportage anschaut, lernt auch hinzu, das ist klar, Fernsehen ist aber nicht aktiv. Man kann nicht zurückblättern. Die Bilder verschwinden schneller. Vor allem entstehen nicht einmal eigene Bilder, man kann die Fantasie nicht spielen lassen, beziehungsweise braucht keine Vorstellungskraft, weil ja alles vorgegeben ist. Wenn ich dagegen ein Buch lese, ist das alles möglich.


Mehr erfahren unter freed-um-liesen.lu