PASCAL STEINWACHS

Wenn Jean-Claude Juncker bei seiner Antrittsrede als EU-Kommissionspräsident vor fünf Jahren von der „Kommission der letzten Chance“ gesprochen hat, dann steht Ursula von der Leyen für die kommenden fünf Jahre einer Kommission der allerletzten Chance vor, haben die Probleme seit 2014 doch nicht abgenommen - im Gegenteil.

Auch wenn der Start von Ursula von der Leyen etwas holprig war, die gewissermaßen erst in letzter Minute (auf Initiative von Frankreichs Präsident Macron) als Kandidatin aus dem Hut gezaubert wurde, um dann im Juli nur mit einer sehr knappen Mehrheit als EU-Kommissionschefin gewählt zu werden, so hat die frühere deutsche Verteidigungsministerin doch schlussendlich am Mittwoch bei der Bestätigung ihres Kommissionsteams mehr Zustimmung bekommen als gedacht. Dass sie wegen der Ablehnung von drei ursprünglich designierten Kommissaren - gegen die Kandidaten aus Ungarn und Rumänien wurde noch vor den eigentlichen Anhörungen ein Veto eingelegt, derweil die designierte französische Kommissarin von den EU-Parlamentariern abgelehnt wurde - nun erst mit einem Monat Verspätung ihr neues Amt antreten kann, daran wird sich schon in einigen Monaten keiner mehr erinnern.

Wichtig ist, dass sie jetzt keine weitere Zeit mehr verliert, sondern umgehend mit der Arbeit anfängt, aber wer Ursula von der Leyen, die als sehr diszipliniert und kontrolliert gilt und die sich in Brüssel sogar mit einem 25 Quadratmeter großen Zimmer in ihrem Amtssitz begnügt, kennt, der weiß - und auf Twitter lässt die neue Kommissionschefin hieran keinen Zweifel: „We are ready. Europe is ready. Let’s get to work.“ - , dass sie sich des Ernstes der Lage bewusst ist, wobei es aber noch eine ganze Reihe von Vorbereitungsarbeiten zu erledigen gibt, wie der luxemburgische Vertreter im Von-der-Leyen-Team, der Kommissar für Beschäftigung und soziale Rechte, Nicolas Schmit, gestern auf einer Pressekonferenz im Europahaus unterstrich, für die er extra von Brüssel nach Luxemburg gekommen war. Dass von der Leyen sehr schnell vorankommen will, davon zeigt sich auch Nicolas Schmit überzeugt, dem man die Freude, seinen Regierungsjob im Großherzogtum hinter sich gelassen zu haben und sich mit Eifer in eine neue Aufgabe zu stürzen, übrigens regelrecht ansieht.

Den Klimawandel zum ersten und vielleicht größten Projekt der neuen Kommission zu machen, um Europa im Rahmen eines „Green Deal“ bis 2050 zum klimaneutralen Kontinent zu machen - eine andere Priorität ist die Digitalisierung -, ist natürlich eine gute Sache - und passend dazu rief das Europaparlament gestern den Klimanotstand aus - , aber allein mit schönen Wörtern, so wie dies in der Politik oft der Fall ist, ist es hier natürlich nicht getan, müssen auf die Worte doch auch konkrete Taten folgen und muss Ursula von der Leyen jetzt liefern. Und wenn die neue Kommissionschefin es in den nächsten Wochen und Monaten auch noch mit der Flüchtlingskrise, der Zunahme des Rechtspopulismus und dem Brexit zu tun bekommt, dann wird ihr wahrscheinlich erst richtig bewusst werden, welchen Höllenjob sie da angenommen hat...