SIMONE MOLITOR

Es war eine der leidenschaftlichsten Debatten, die jemals auf politischer und gesellschaftlicher Ebene geführt wurde. Ihr Gegenstand bot Polemikern reichlich Spielraum, immerhin ging es um die Frage der Selbstbestimmung bis zum Lebensende; um Euthanasie. Der erste Gesetzvorschlag zur aktiven Sterbehilfe war bereits 2002 eingereicht worden. Die Palliativmedizin wurde dabei nie in Frage gestellt. An die emotionsgeladenen, kontroversen Diskussionen, die folgten, können sich die meisten sicherlich noch erinnern.

Bevor das Gesetz 2009 in Kraft treten konnte, wurde mehr als ein Teufel in den düstersten Farben an die Wand gemalt. Den Stift in der Hand hielten insbesondere Vertreter konservativer Kreise. Sie warnten vor Missbräuchen und sahen gar eine „Euthanasie-Tourismus“-Welle auf Luxemburg zurollen. Hinter vorgehaltener Hand wurden die Gesetzesinitiatoren als „Mörder und Faschisten“ beschimpft. Bis zum Schluss versuchte die CSV, das Gesetz abzuändern. Es folgten peinliche Auftritte im Plenum. Das Bistum erinnerte die Regierung an ihre Grundaufgabe, sich für das Leben eines jeden Bürgers und dessen Schutz einzusetzen. Am Ende stellte sich auch noch Großherzog Henri quer. Doch die Mehrheit hatte sich am 18. Dezember 2008 im Parlament für die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe ausgesprochen. Die Würfel waren gefallen. Es war nicht die Lizenz zum Töten, die gleichzeitig ausgestellt wurde, sondern die Möglichkeit, Hilfe zur Selbsterlösung in Anspruch zu nehmen, die Realität wurde.

Wurde diese Option nun tatsächlich massiv genutzt? Ist Sterbehilfe außer Kontrolle geraten? Haben sich die schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet? Wir lassen Zahlen sprechen: 15 unheilbar kranke Patienten haben in den letzten beiden Jahren Sterbehilfe beantragt, um ihrem Leiden ein Ende zu setzen. 2011-2012 waren es 14. Der Großteil hatte Krebs im Endstadium. 29 todkranke Menschen in vier Jahren. Keineswegs ist die Zahl der Fälle also explodiert. Sollten sich die einstigen Kritiker vielleicht jetzt eingestehen, dass sie falsch lagen und möglicherweise sogar unnötige Polemik betrieben haben? Wahrscheinlich war es ohnehin viel weniger die Angst, die sie antrieb, als vielmehr tiefstes Unverständnis dafür, dass jemand selbst entscheiden sollte, wann und wie er stirbt...

Die „Association Luxembourgeoise de Médecine Palliative“ zeigt sich indes angesichts der im jüngsten Euthanasiebericht genannten Zahl der Fälle - leicht populistisch ging die Rede von „Zahl der getöteten Patienten“ - betroffen, wie kürzlich mitgeteilt wurde. „Man kann Leiden lindern, ohne zu töten, dank der Fortschritte durch die Palliativmedizin“, heißt es in dem Schreiben. Niemand wird das Gegenteil behaupten. Ob man dieses hinausgezögerte Sterben tatsächlich will, ist aber letztendlich eine Entscheidung, die jeder, nach reiflicher Überlegung, seit 2009 selbst treffen kann.

Natürlich bleibt der Umgang mit Leben und Tod ein heikles Thema. Sterbehilfe und Palliativmedizin sollten sich dennoch nicht auf ewig derart konkurrierend gegenüber stehen. Am Ende setzt sich jeder mit beiden Möglichkeiten auseinander und entscheidet sich an dieser letzten Weggabelung. Welcher von beiden Wegen für den Betroffenen leichter ist, kann kein anderer wissen.